Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Nach dem ersten missratenen Versuch, von Brunsbüttel nach Cuxhaven zu kommen, klappte es schließlich zwei Tage später bei allerdings immer noch Nordwind gegen die auslaufende Tide und 1m Hackwelle – tja, die Elbe ist halt eine Mausefalle: Rein kommt man immer, raus ist schwierig.

Hier in Cuxhaven besuchten uns am Nachmittag noch Claudia und Jonathan (https://radiopelicano.de) – alte Bekannte von den Kapverden her – und blieben bis zum nächsten Tag. Es war ein längerer, sehr schöner Abend, welcher nicht um 21 Uhr mit Sailors Midnight (den Begriff haben wir von Claudia und Jonathan gelernt)endete.

Am nächsten Tag war dann großer Waschtag angesetzt mit anschließender Trocknung an Bord.

Der nächste größere Schlag ging an das Ostende von Wangerooge (auf Wunsch meines Vaters ab jetzt die Position in Längen- und Breitengrad zum besseren Finden bei google maps etc. 53°46,483´N 007°58,247´E), der östlichsten Insel von Ostfriesland wo wir die Nacht vor Anker verbrachten. Die Seehunde, welche sich dort normalerweise die Sonne am Strand auf den Bauch scheinen lassen, waren an diesem Abend leider nicht da; vielleicht waren ihnen die ca. zehn ankernden Yachten zu viel Unruhe.

Auf dem Weg dahin sahen wir noch eine Flaschenpost schwimmen, welche wir aber, trotz großer Motivation und einiger gewagter Segelmanöver, nicht aus dem Wasser gefischt bekamen.

Am nächsten Tag ging es außen herum nach Westen bis Norderney (53°42,131´N 007°09,874´E), einen Ort, welchen man nicht empfehlen kann, es sei denn man steht auf eine Mischung aus Ballermann und Sylt. Leider wurden wir dort eingeweht und die Alternativroute durchs Wattenmeer hinter den Inseln, welche sich normalerweise anbietet, fiel wegen einerseits Nipptide (weniger Wasserhöhe bei Hochwasser als bei Springtide) und dem ewigen Nordwind – stark und im übrigen eiskalt – flach. Dieser Nordwind drückt das Wasser so stark Richtung Festland, dass das Wasser hinter den Inseln niedriger steht als es sollte, sodass selbst wir mit unseren 1,10 m Tiefgang bei Kiel oben keine Chance hatten über die Grüne Wiese zu kommen. Tide ist überhaupt ein beherrschendes Thema beim Segeln in der Nordsee; wann ist das Wasser hoch genug um in den Hafen rein oder aus dem Hafen rauszukommen. Hinzu kommen die Seegatten, also die Durchfahrten zwischen den Inseln, durch welche mann meist nur bei Hochwasser kommt. Kommt dann Tidenstrom gegen Wind dazu wird es sehr holprig und ab 4–5 Beaufort auflandigem Wind geht gar nichts mehr, dann besteht die Gefahr von Grundseen. Läuft die Tide mit, also Strom von hinten, läufst du locker 6–7 kn, steht sie gegenan bleiben im Extremfall 2 kn übrig, was speziell am Ende des Segeltages, wenn man eigentlich „nur“ noch in den Hafen will, ganz schön frustrierend sein kann.

Als der arktische Nordwind, wir sprechen von mittlerweile mehr als vier Wochen mit max. 12°C, etwas nachließ, sind wir – wieder außen rum –  an Schiermonekoog (erste größere Insel in Westfriesland (NL)), nach Lauwersoog (53°24,588´N 006°12,389´E) gesegelt. Lauwersoog liegt an der Festlandsküste ca. 10nm hinter den Inseln „geschützt“ durch ein tolles Seegatt. Hier wurden wir wieder eingeweht: Ein Versuch rauszukommen, wurde bei Erreichen des Seegatts aufgegeben – Fazit: 10nm raus und 10nm wieder rein. Sonst gibt es über Lauwersoog nichts besonderes zu sagen, außer dass das Lauwersmeer auf der Binnenseite des ganz Holland begrenzenden Damms das wahrscheinlich einzig naturbelassene Stück der Niederlande ist mit Schilfgürtel und über das Wasser hängenden Bäumen.

Von Lauwersoog aus ging es über Nacht nach Den Helder (52°57,744´N 004°46,901´E). Die ganze Fahrt über ein einziges Geschaukel, was Anne dazu veranlasst hat die Fische füttern zu wollen – leider war das Seitendeck im Weg 😦 

Hier traf uns dann in der 8nm langen Hafeneinfahrt neben dem Gegenwind auch noch der Strom auf die Mütze. Alles gegenan. Unter Maschine (genug Gas, um 6knt zu machen, blieben am Ende 1,7knt übrig. Dafür entschädigte dann der „Königlich Niederländische Marine Yachtclub“ mit dem freundlichsten Hafenmeister der bisherigen Tour, moderaten Preisen und all inclusive, sogar gratis Waschmaschine und Trockner, welche dann auch gern benutzt wurden. Während ich an Bord blieb und mich unter anderem um die Beschaffung von Diesel und das Nachfüllen des Wassertanks kümmerte, ging Anne in die Stadt um Proviant zu besorgen und kam dabei auch am Museumshafen vorbei – schade, hätte ich auch gern gesehen.

Auf dem nächsten Schlag nach Scheveningen (52°05,767´N 004°) hatten wir dann 4–5Bft von hinten und machten richtig gut Fahrt nur unter Großsegel gut über 6knt, selbst bei Gegenstrom waren es noch über 4knt. Unterwegs kam dann die niederländische Küstenwache ran, um Boots- und Crewdaten, den letzten Hafen und unser nächstes Ziel zu erfragen, „thank you – enjoy your journey“ – der Finne, den sie danach am Wickel hatten, musste sich noch über einen Regelverstoß belehren lassen.

Mittlerweile hatte sich eine kurze ca. 1,5m hohe unangenehme Welle aufgebaut. Abends gegen 21h sind wir dann in den völlig überfüllten Hafen von Scheveningen – ein äußerst unsympathisches Volk in weißen Polohemden mit Rolex am Arm. Halt höhere Chargen aus dem nahen Regierungssitz Den Haag. 

Drei Tage später soll hier die Volvo Ocean Race Station machen – die Laufen übrigens bis 30knt unter Segeln, aber das ist halt die Formel 1 des Segelns, während wir mit  ´nem alten Bully unterwegs sind.

Aus Scheveningen sind wir dann am nächsten Tag geflüchtet, um in den nächst südlicheren zu wechseln und die drei Tage mit wieder mal unangenehmer Hackwelle abzuwarten. Zunächst mussten wir die Hafeneinfahrt von Rotterdam, dem größten Hafen Europas queren. Hier treffen sich drei Verkehrstrennungsgebiete – quasi Wasserautobahnen der Berufsschifffahrt – um dann als eine Route in den Hafen zu gehen. An schlechten Tagen ist das eine Perlenschnur von Frachtern und Tankern durch welche man quer durch muss. Man muss sich auch über UKW-Funk beim Leitzentrum anmelden, allerdings haben die uns, wie schon die letzten beiden Male, nicht geantwortet. Zum Schluss kam uns in der Küstenverkehrszone (hier dürfen nur Sportboote und Fischer fahren) ein Tanker mit 20 knt entgegen.  Das ist als würde man zu Fuß die Stadtautobahn im Berufsverkehr überqueren und in der dahinter liegenden Fußgängerzone kommt einem dann ein LKW mit 50 km/h entgegen. 

Jetzt liegen wir in Stellendamm (51°49,238´N 004°03,073´E) hinter dem Damm quasi in Süßwasser – auch hier wurden wir beim Warten vor der Schleuse von der Polizei kontrolliert. Diesmal haben sie sich die Pässe zeigen lassen und fragten uns, ob uns verdächtige Personen gebeten haben sie mit nach England zu nehmen. Hä? Was kümmert das die Polizei in der EU?

Da es, wie bereits erwähnt, in Holland kaum naturbelassene Ufer gibt, passt sich die Natur dem Menschen an. Hier im Hafen nisten die Haubentaucher auf Inseln aus Treibholz, welche sich an der Steganlage verfangen haben. Ein Blesshuhn nistet auf der Badeplattform eines anscheinend selten bewegten Motorbootes. Aus dem Wasser gefischter Plastikmüll dient ebenso zum Nestbau. Traurig das mitanzusehen, aber eine seltene Gelegenheit, die Tiere aus solcher Nähe zu beobachten, scheinen sie doch jegliche Scheu abgelegt zu haben.

In Stellendam hat uns auch endlich der Sommer erreicht – seit zwei Tagen keine Wollpullover mehr und das Sonnendach überm Cockpit haben wir heute auch schon angebracht!

Als nächstes Ziel steht dann am Sonnabend Oostende auf dem Plan. Darüber sagte Opa Willy damals, als ich von da anrief: Oostende, oh Gott! Sieh bloß zu, dass du da wegkommst! Als ich da war, haben sie mich ein Jahr da behalten. (als Kriegsgefangener). Nun, der Wetterbericht sieht ab Sa sehr gut aus und es besteht kaum Gefahr, dass wir dort hängenbleiben. 

Bis zum nächsten Blogeintrag. Seid alle ganz lieb gegrüßt von Anne und Götz.

Eine Antwort zu „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen”.

  1. Avatar von Claudius Fischer
    Claudius Fischer

    Hallo ihr Lieben, ich verfolge alle Veröffentlichungen und wünsche euch weiter viel Glück auf der Reise! Viele Grüße Claudius

    Like

Hinterlasse einen Kommentar