Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Endlich »Urlaub«

von Seixal (Lisboa) nach Funchal (Madeira)

Am 4. August früh morgens machten wir uns endlich auf den Weg vom Rio Tejo Richtung Madeira (was übrigens Holz bedeutet) um dort meine beiden Töchter und Annes Mutter und Schwester zu treffen, welche am 10. August dort mit dem Flieger eintrudeln sollten. Die Segelbedingungen waren laut Wettervorhersage etwas schwierig aber grundsätzlich machbar: Westlich von Portugal pfiff der Wind in einer Art Düse zwischen Azorenhoch draußen auf dem Atlantik und einem nicht selten vorkommenden Hitzetief über der Iberischen Halbinsel mit 35 Knoten aus Nord. Das ist eine ausgewachsene Windstärke 8 – grundsätzlich segelbar, aber auch nicht besonders entspannend … Vor der Marokkanischen Küste rutschte ein ganz kleines Hitzetief langsam Richtung Westen – es sollte uns später noch einige Nerven kosten. Unser Plan sah vor, dicht an der Küste Portugals nach Süden zu fahren. Dort sollte sich der Wind auf 15–20kn beschränken, also etwa 4–5 Bft. Dann wollten wir Richtung Casablanca steuern um dann am südlichen Rand der Starkwinddüse mit Halbwind nach Madeira rüberzuziehen.

Die portugiesische Küste runter (hier sahen wir den ersten und bisher einzigen Wal) und auch am zweiten Tag funktionierte es noch ganz gut, dann erwischte uns der Starkwind mit 4 m Wellen, welche schon brachen und dann kam das kleine ehemals unscheinbare marokkanische Hitzetief … Diese Hitzetiefs bringen keinen Wind, geschweige denn Sturm, sie bringen Flaute und im Fall unseres Hitzetiefs, welches sich inzwischen ordentlich ausgebreitet hatte, ausgiebig Flaute. Da uns die Welle vom Starkwind aber erhalten blieb, bedeutete das Gestampfe unter Maschine ohne großes Vorankommen. Tag für Tag wurde das Barometer beobachtet, wie es in Zeitlupe wieder stieg und der Frust war groß – schließlich saß uns der Ankunftstag unserer Familie im Nacken  und Jana und Lynn hatten ihren Schlafplatz auf unserem Boot … Dann kam der Wind zurück und da wir uns im südlichen Teil des Tiefs befanden, kam er aus Südwesten, also genau von vorne und er war schwach. Bei Schwachwind zu kreuzen ist wahrlich keine Freude, schon gar nicht mit einem schweren Stahlboot, welches sich bei etwas mehr Wind doch wesentlich wohler fühlt. Südlich Madeiras Nachbarinsel Porto Santo machten wir wieder die Maschine an, um unsere Ankunft nicht noch mehr zu verspäten – mittlerweile war es der 11. August mittags. Als wir Madeiras Ostecke erreichten kam wieder soviel Wind, dass wir das Großsegel hochzogen – der Sprit ging auch zur Neige. Dann ging der Wind auf gut 35 kn hoch und die alte Planitzer lief im Schnitt 7kn und in der Spitze bis zu 9,5kn – Werte die sie nie zuvor erreicht hatte. 2 Meilen vor dem Hafen schlief dann der Wind urplötzlich komplett ein und wir liefen kurze Zeit später mit dem buchstäblich letzten Tropfen Sprit (der enthielt schon anteilig Rapsöl aus den Küchenvorräten) in den Hafen von Funchal ein und konnten ein paar Minuten später die vier in die Arme schließen.

Es folgten zwei sehr schöne Wochen in Familie, leider getrübt durch die Corona-Infektionen von Tine und Marlis. 

Madeira befindet sich auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo sich, tektonisch betrachtet, die amerikanische Kontinentalplatte im Westen und die europäische sowie die afrikanische Platte im Osten voneinander wegbewegen. Das führt zu tektonischen Aktivitäten und als Resultat zu unterseeischen Bergen welche zum Teil bis über die Meeresoberfläche reichen. Madeira ist ein Beispiel dafür, genau wie die übrigen Makaronesischen Inseln (Azoren, Ilhas Salvagem, Kanaren). Die Insel erfreut sich normalerweise eines ausgezeichneten Klimas, welches die Wärme Afrikas mit der ausgleichenden Wirkung des Atlantiks kombiniert. Normalerweise liegen die Temperaturen nachts knapp unter 20°C und tagsüber etwas darüber (z.Z. herrscht eine ungewöhnliche Hitzewelle mit Tagestemperaturen um die 30°C und hoher Luftfeuchtigkeit, so dass selbst die Einheimischen Stöhnen). Die hohen Berge im Landesinneren sorgen für ein eigenes Mikroklima mit Wolkenbildung; leider regnet die feuchte Luft meist auf der – felsigen, unfruchtbaren – Nordseite der Insel ab, weswegen vor über 150 Jahren damit begonnen wurde, per künstlicher Wasserläufe das Wasser vom Norden in den Süden zu transportieren. An diesen sogenannten Levadas entlang kann man wunderbar wandern, dank marginaler Steigungen, üppiger Vegetation und … Schatten. An einer solchen Levada wollte ich mit den Kindern 2 bis 3 Tage entlang wandern und so brachen wir mit Zelt, Schlafsack und ordentlich Wasservorrat auf, landeten jedoch dank eines Missverständnisses bezüglich der Bushaltestellen an der falschen Stelle. Der Wanderweg, welcher uns zu „unserer“ Levada bringen sollte endete im Nichts und wir, wir endeten auf dem Kamm knapp unterhalb des Gipfels, eines der höchsten Berge der Insel (Pico Grande) und zumindest ich war von dem Aufstieg ziemlich erschöpft – die Beinmuskulatur war während der letzten drei Monate an Bord kaum gefordert gewesen …

Am nächsten Tag bergab ging es dann doch wesentlich leichter, nicht zuletzt weil die Wasservorräte im Rucksack abnahmen und ich etwas Gewicht vom Rücken des alten Mannes auf die Rücken der Jugend umverteilt hatte. Zwei Tage später fuhren wir dann zu fünft (Marlis fühlte sich wegen Corona noch schlapp, Tine fing an, unter den ersten Symptomen zu leiden, war aber noch halbwegs fit) mit dem Bus zu einer anderen Levada. Apropos Bus, bei der waghalsigen Straßenführung muss man mehr Vertrauen in die Fahrkünste des Busfahrers haben als in die Fähigkeiten seines Herzchirurgen! Mir persönlich waren die Busfahrer über fünfzig auf Grund ihrer Erfahrung die Liebsten. Die Wanderung war sehr entspannend und landschaftlich reizvoll. Sie endete an einem Naturpool mit Wasserfall – nur Lynn traute sich in das – gefühlt – eiskalte Wasser. Nachdem auch Tine von Corona lahmgelegt war, unternahmen wir noch zu viert eine Wanderung entlang der sogenannten Citylevada, welche zur Zeit wegen der Hitze aber weitestgehend ausgetrocknet ist; als Ausgleich führte der Weg bei geschätzt dreißig Grad Celsius fast ausschließlich bergab.

Jetzt ist die Familie wieder abgereist und wir sind wieder zu zweit, d. h. eigentlich zu dritt, da wir Yann, einen allein segelnden Bretonen quasi adoptiert haben; er kommt jeden zweiten Abend zum Essen und zum Wein vorbei, man tauscht Erfahrungen und nützliche Adressen, Werkzeuge und Ersatzteile, Lebensweisheiten und praktische Kenntnisse …  Aber das ist ganz normal auf Langfahrt, wo zumindest die Leute, welche nicht mit der fetten, neuen Yacht und dem dicken Portemonnaie unterwegs sind, zusammen halten. Gestern hat er uns in den botanischen Garten eingeladen um eine „fachliche“ Führung von mir zu bekommen in Verbindung mit Tipps, welche Samen eine Chance in der Heimat haben ..  

Zur Zeit muckt noch unsere Kupplung, so dass ich das Getriebe ausbauen und in die Werkstatt geben musste – drei Stunden Schweiß, Schmiere und fluchen. Hoffentlich wird es nicht so teuer …  Wenn wir wieder startklar sind, geht es eventuell noch kurz auf die Ilhas Salvagem, eine Gruppe unbewohnter Inseln zwischen Madeira und den Kanaren. Da es dort nie pflanzenfressende Tiere gab, soll die Vegetation einzigartig sein. Dafür braucht man aber eine Sondergenehmigung der hiesigen Behörde, da sie unter Naturschutz stehen. Alternativ geht es direkt auf die Kanaren, genauer gesagt nach Graciosa, ganz im Norden der Kanaren – so ein bisschen das Hiddensee der Kanaren, nur nicht so bekannt. Das erste Ziel sind so etwa130 sm und Graciosa direkt bedeutet 220 sm. 

Von jetzt an geht unsere Reise übrigens etwas langsamer vonstatten. Wir haben in den vergangen 3 Monaten festgestellt, dass wir uns für die einzelnen Orte mehr Zeit nehmen wollen – also keine festen Termine mehr. Feuerland wollen wir in diesem Jahr nicht mehr erreichen. In den nächsten Monaten gucken wir uns die Kanaren und Cabo Verde an, machen vielleicht einen Abstecher nach Gambia und setzen dann möglicherweise im Winter nach Brasilien über.

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an J. wegen der großzügigen finanziellen Unterstützung – wir haben uns sehr gefreut!

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