Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Makaronesische* Irrfahrt

*Makaronesien umfasst die Inselgruppen Azoren, Madeira, Kanaren und Kap Verden

Längst mal wieder Zeit, von uns hören zu lassen. 

Erstens kommt es anders und zweitens als man plant …  Nach der Abfahrt von Funchal/Madeira waren uns die Götter des Mobilfunks seeeehr lange wohl gesonnen. So wehte 30 nm von Funchal eine Nachricht von unserem bretonischen Freund Yann zu uns an Bord, dass er sich auf La Gomera auf einem netten Ankerplatz vor Santiago an der Südseite der Insel befinde und wir entschieden uns, nach dem Besuch auf den Selvagens Inseln Kurs Richtung Südwest zu setzen und Yann zu besuchen statt nach La Graciosa im Nordosten der Kanaren zu segeln. Rasmus, der Gott des Windes war uns weniger hold. Statt mit 10–15 knt aus Nordost „wehte“ (Gibt es eine Verniedlichungsform von Wehen?) der Wind mit maximal 4 knt aus Nordwest, also von hinten – auf diesem Kurs sind wir eh am langsamsten, da wir dem Wind praktisch wegfahren und der scheinbare, gefühlte Wind noch geringer ist. Kurz und gut wir waren soooo langsam, dass wir die Selvagens im beantragten Zeitfenster (man muss sich vorher für ein Zeitfenster von max. 24 h anmelden.) nicht mehr erreichen konnten; auf Tuckern hatten wir auch keine Lust. So drehten wir dann direkt Richtung La Gomera ab. Endlich tauchte vor uns der Pico del Teide, der höchste Berg Spaniens, vor uns über den Wolken auf, Teneriffa lag vor uns und La Gomera steuerbord voraus. In der Durchfahrt hatten wir dann mal wieder Glück mit der Tide, welche genau gegenan stand. Also mal wieder schleichen.  Natürlich freuten wir uns sehr, Yann wiederzusehen, aber der tolle Ankerplatz stellte sich als sehr schwellanfällig dar, weswegen wir nach ein paar Tagen, einmal grillen an Bord und einer kleinen Wanderung, in die übernächste Bucht verholten. Dort war es ein wenig ruhiger aber extrem abgeschieden, nur sporadisch wehte so etwas wie Mobilfunknetz herüber. Um uns herum ragten 100 bis 200 m hohe Felswände auf und bis auf den Schwimmer eines Hummerkorbes gab es kein Zeichen von Zivilisation. So entschlossen wir uns nach einigen Tagen trotz Winddüse zwischen den Inseln nach Teneriffa zu segeln.

Die Marina von La Galletas gleich östlich der Südostspitze von Teneriffa war das Ziel. Auf diesem Schlag bekamen wir bezüglich Wind und Welle alles vorgesetzt, was man sich vorstellen kann. Wir waren bereits mit zweitem Reff im Groß und Sturmfock gestartet, mussten das Großsegel bei 25 knt im Mittel über Deck gemessen und Böen weit darüber aber sehr schnell komplett wegnehmen; der Wind im Rigg in 10 m Höhe ging sicherlich an die 40 knt ran. Aber wir kamen die ersten 3 h sehr gut voran. Dann, noch bevor wir überhaupt darüber nachdenken konnten auszureffen, war der Wind in der Abdeckung von Teneriffa auf annähernd 0 gefallen. Also Motor an und weiter bis uns der in der Düse zwischen Teneriffa und Gran Canaria wehende Starkwind plus Welle von vorne plus Strom (bildet sich auf Grund der Düseneffekte zwischen den Inseln gern und ist häufig auch stärker als der Tidenstrom) uns unter Maschine auf knapp einen Knoten ausbremsten. Wir hätten die alte Plani unter enormem Spritverbrauch um das Kap prügeln müssen. So drehten wir ab nach Los Christianos …  Ein Ort der ähnlich wie Maspalomas auf Gran Canaria für Ballermannfeeling in Reinstform steht. Hier sind es übrigens die Briten, welche die Szene beherrschen. Was der Liter Sangria auf Malle zum Frühstück ist hier das Billigpint zum English Breakfast. Es gibt hier zwei Ankerplätze (in den Hafen kommt man nicht mal mit dem Dinghi rein, es sei denn man hat ´ne Luxusyacht und die Taschen voller Schmiergeld … ) einen neben der Hafeneinfahrt – hier waren wir meist fast alleine, bekamen aber die Wellen von den Ribs der Tauchschule im Minutentakt. Selbige hielten es übrigens auch für nötig, mit mindestens 30 knt an den zahlreichen Paddlern haarscharf vorbei zu rasen. Der andere Ankerplatz befand sich direkt vor dem Strand am anderen Ende des Hafens (hier durfte man gnädigerweise sein Dinghi am Strand anlanden). Hier haben wir auch unsere Bekannten Julian und Elena mit ihren zwei kleinen Kindern wiedergetroffen. Da wir nun schon mal auf Teneriffa waren, haben wir die Chance ergriffen und sind mit dem Bus zum Krater des Teide hochgefahren. Anne konnte hier ihren bisherigen Höhenrekord auf 2150m steigern. Die Bilder sprechen für sich.

Nach einigen Tagen sind wir weiter nach Gran Canaria, vorerst an die Südspitze, da der Hafen von Las Palmas – der einzige bezahlbare Hafen auf den Kanaren, in den man noch reinkommt – bis 19.11. wegen der ARC (Atlantic Ralley for Cruisers) vollgesperrt ist. Dort lagen wir in Arguineguin im Außenhafen vor Anker. Ich habe noch einen Zahnarzttermin wahrgenommen, Anne konnte ihre noch ausstehende Impfung hier leider nicht bekommen und musste dies auf Las Palmas verschieben. Wir haben angefangen unsere Vorräte aufzufüllen: 15 kg Nudeln, 10 kg Reis, 4 kg Linsen, Kiloweise Kaffee, Konserven, Tomatenmark und überhaupt alles was sich problemlos lange hält. Die Temperaturen hier sind kanarenüblich sehr angenehm, 25 bis 28°C am Tag und um die 20°C in der Nacht. Erstaunlicherweise gibt es ab dem frühen Abend immer sehr starken Tau. Regen ist allerdings Fehlanzeige.

Der kleine Fischerort Arguineguin im Süden von Gran Canaria

Dann ging es über Nacht die rund 40 nm nach Las Palmas weiter mit der Aussicht zum ersten Mal seit Madeira wieder in einen Hafen zu kommen. Fließend Wasser, Steg, Dusche, Strom, … In den frühen Morgenstunden erreichten wir unser Ziel, doch das brechend volle Ankerfeld vor der Einfahrt zur Marina ließ unsere Hoffnungen auf einen Platz am Steg schwinden. Und so erfuhren wir dann auch von den Hafenmitarbeitern – es gibt eine Warteliste, ihr müsst erstmal ankern und mit dem Dingy zur Anmeldung kommen. Gegen 12.30 Uhr reihten wir uns in die, gar nicht so lange, Schlange ein. Um 14 Uhr machte das Büro erstmal 2 h Mittagspause, gegen 18.15 Uhr saßen wir dann tatsächlich vorm Hafenmeister und bekamen unseren Stegplatz für den nächsten Tag. Die äußerst günstigen Liegegebühren von 8 Euro/Tag inkl. Wasser, Strom und Dusche, entschädigen allerdings für die chaotische Bürokratie der Marina. Nun hatten wir zwei Wochen Zeit um alle notwendigen Reparaturen und Einkäufe zu erledigen.
Die Marina Las Palmas ist mit ihren 1200 Liegeplätzen riesig und quasi eine eigene Kleinstadt auf dem Wasser. Das macht sie auch zu einem Hotspot für junge Leute, die per Anhalter über den Atlantik Richtung Karibik oder Südamerika fahren wollen. Überall kleben Zettel mit „Bewerbungen“ und einige Male wurden wir auch schon direkt angequatscht. So sympathisch die Leute oft auch sind – für uns kommt das nicht in Frage. Da ist uns unsere Privatsphäre doch wichtiger als ein Mensch mehr für die Wachen 🙂
Ansonsten ist das Leben in der Marina sehr gemächlich. Wir werkeln, backen Brot und Weihnachtsstollen und treffen uns Abends auf ein paar Gläser Wein mit unserem netten, amerikanischen Stegnachbarn.
In Las Palmas kommen auch endlich wieder unsere Fahrräder zum Einsatz. Die Großstadt hat ein erstaunlich gut ausgebautes Netzt an Fahrradwegen und -straßen.


Nachdem wir alles erledigt haben, geht es voraussichtlich am 5.12. weiter Richtung Gambia. Da der Passatwind noch relativ schwach und unzuverlässig ist, können wir nicht genau sagen wie lange wir für die rund 900 Seemeilen brauchen. Wir rechnen vorsichtig mit 14 Tagen.
Mit dem Verlassen von Europa hat sich dann auch unsere deutsche Telefonnummer erledigt. Ab da gibt es dann lokale Sim-Karten und, sofern Netz vorhanden ist, sind wir weiter über WhatsApp, Signal, E-Mail oder Instagram erreichbar.
Für Gambia lassen wir uns zwei Monate Zeit. Götz möchte zurück in das Dorf Balingho am Gambia River. Hier hat er vor zehn Jahren schon einmal sechs Monate geankert und Freundschaften geschlossen. Aber dazu mehr in unserem nächsten Blogeintrag … Sofern die gambischen Götter des Mobilfunks gnädig zu uns sind 🙂

Bis dahin vorsichtshalber schon mal ein frohes Weihnachtsfest und ’nen juten Rutsch 🙂
Götz und Anne

Eine Antwort zu „Makaronesische* Irrfahrt”.

  1. Avatar von Claudius Fischer
    Claudius Fischer

    Ihr Lieben, lese eure Geschichte weiterhin mit großer Aufmerksamkeit. Ich wünsche euch eine gute Weiterfahrt ins Afrikanische. Bleibt vor allen Dingen gesund. Herzliche Grüße aus dem graukalten D. – Claudius

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