BANJUL
Gegen 16 Uhr steigen wir gemeinsam ins Dinghi um an Land zu fahren. Für Anne wird sich eine ganz neue Welt auftun – Afrika! Die staubige, brüchige Asphaltpiste, welche von der Pier in das Hafenviertel von Banjul führt, erinnert mehr an eine Mülldeponie als an eine Straße. Endlose Schlangen halbwracker LKWs am Rand und daneben einige, die noch fahren; meist sind sie völlig überladen mit Reissäcken oder Zement, mit Zwiebelsäcken und allem möglichen anderen. Das Viertel heißt Half Die („Hälfte Sterben“) und das bezieht sich zwar auf eine Katastrophe in der Geschichte Banjuls, könnte aber genauso Programm für die nähere Zukunft sein. Zwischen all dem Staub und Müll laufen Nutztiere wie Schafe, Ziegen und Hühner frei herum und picken und knabbern an dem spärlichen Grün, welches sein Leben in den offenen Kanälen der Straßenentwässerung fristet.
Weiter rein in die Stadt, Banjul hat kaum mehr als 45.000 Einwohner, reiht sich, in den durchweg zwei- bis dreistöckigen Häusern, ein Händler an den anderen. Oft verkaufen sie nur Unmengen eines einzigen Produkts. Einer handelt mit Reis, einer mit Zwiebeln, einer mit Eiern, usw. Außerdem gibt es eine schiere Flut an gefälschten Markenklamotten aus chinesischer Produktion. Vielleicht ist die Inflation der Grund dafür, Ware zu horten. Brot suchen wir an diesem Tag vergeblich. Die drei Banken mit Geldautomat konzentrieren sich an einer Kreuzung – höchste zulässige Abhebung: 4000 Dalasi = 55 Euro. Das entspricht in etwa dem halben Monatsgehalt eines mittleren Beamten.
Am nächsten Tag gehen wir zum Markt, zum Albertmarkt. Definitiv nichts für schwache Nerven, wenn man noch einen Mindestanspruch an Hygiene hat. Hühnerteile, die halb aufgetaut bei über 30°C auf einer Gehwegplatte liegen und von jedem zweiten in die Hand genommen und begutachtet werden. Dazwischen halb, nein, neun/zehntel verhungerte Katzen und ihr Nachwuchs. Die Katzen vegetieren hier als Vegetarier vor sich hin. Eine sitzt vor einem Haufen Fleisch und traut sich nicht, etwas davon zu klauen. Sie weiß, dass sie zu schwach ist, um mit Beute zu entkommen und sich dafür um so sicherer einen brutalen Fußtritt des Fleischhändlers einfangen wird. Es gibt unansehnliches Gemüse, Plastik Schnickschnack aus China, gefälschte Markenklamotten und, und, und. Wir haben genug gesehen. Ein kleiner Plausch mit der Wache vorm Präsidentenpalast – nein, den Palast dürfen wir nicht fotografieren, das Ministeriumsgebäude daneben schon.
Auf dem Rückweg holen wir noch Diesel für die Fahrt den Fluss hoch und Wasser aus der Marinekaserne, der eine Gefreite ist sehr nett und hilfsbereit. und so sitzen wir mit den Soldaten auf winzigen kleinen Bänken, wo auf der Feuerstelle normalerweise der allseits beliebte Attaya -chinesischer Grüntee mit Unmengen Zucker – in einer ziemlich langwierigen Zeremonie bereitet wird. Es wird ausnahmsweise mal kein Dankeschön in Form eines Geldscheins erwartet; vielleicht gebe ich gerade deswegen gern einen Schein mit dem Hinweis: For Attaya. Was sofort alle Mundwinkel nach oben zieht. Am Zugang zur Pier erwarten uns die stets gut gelaunten Leute von der Security und mit einem kühnen Sprung geht es von der Rampe wieder auf den Schwimmsteg, wo unser Schlauchboot angebunden ist. Als ich die zweite Fuhre Diesel zum Mutterschiff bringen will, ruft jemand aus einem Fischerboot: Hey Steve, ich erinnere mich an dich. Ein junger Mann aus Ballingho, der sich noch an meinen letzten Aufenthalt vor zehn Jahren im Dorf erinnert. Er und sein kleinerer Bruder fahren am nächsten Tag mit dem Bus nach Balingho – wir werden also angekündigt …
Bei all dem Schmutz und Elend muss allerdings gesagt werden, dass wir uns nie unsicher oder bedroht fühlten. Die Gambier sind ein ausgesprochen fröhliches und freundliches Volk. Als Toubab (so werden hier die Weißen genannt) ist es allerdings unmöglich in der Menge unterzutauchen, man steht unweigerlich im Mittelpunkt des Interesses, wenn man sich nicht gerade in einem der wenigen Touristenressorts an der Atlantikküste befindet.
Mitten in der Nacht gibt es noch einmal Unruhe, als bei etwas stärkerem Wind ein Fischerboot mit uns kollidiert. Die Besatzung aus zwei blutjungen Männern und einem vielleicht Dreizehnjährigen ist komplett überfordert und so krachen sie uns mehrmals in die Seite. Naja, unserem Stahlrumpf macht das nicht viel aus; da die Plani sowieso neue Farbe braucht, bereiten uns die Schrammen kein großes Kopfzerbrechen.


















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