Bevor wir von unserer Fahrt flussaufwärts erzählen, noch ein kurzer Zwischenbericht zu Ousmanes neuem Boot.
Einen Riesen Dank an alle die hierfür gespendet haben!
Wir haben allein von euch 445 Euro (Ca. 33.000 Dalasi) zusammenbekommen. Ousmane ist unendlich dankbar! Vor drei Tagen sind wir zurück nach Banjul gefahren und waren gleich beim Bootsbauer, um den Auftrag zu besprechen. Der Preis liegt bei 25.000 Dalasi. Also sind wir auch gleich noch auf den Markt und haben ein neues Netz mit den dazugehörigen Leinen und Schwimmern besorgt. Auch die Reparatur unseres alten Außenbordmotors, den wir Ousmane geschenkt haben, ist schon im Gange. Mehr dazu, wenn das Boot hoffentlich Ende der Woche fertig ist.


Flussaufwärts von
Balingho nach Baboon Island
Am 16. Januar ging es endlich los, den Fluss hoch Richtung Georgetown/Janjanbureh. Noch einmal ca. 75 nm flussaufwärts zu den Nilpferden, Krokodilen und Schimpansen und endlich einmal etwas anderem als Mangroven als Uferbewuchs. Ousmane begleitete uns, kannte aber auch nur die ersten 50 nm aus eigener Erfahrung als Fischer. Für die meisten Menschen in Gambia ist eine Urlaubsreise ein völlig fremdes Konzept, man reist höchstens um Verwandte zu besuchen oder weil man in Kombo, der Hauptstadtregion etwas zu erledigen hat. Alle Wege führen nach Rom – zwischen Mailand und Turin liegen Welten! Für Ousmane war das also die erste Reise, die er einfach so zum Spaß machte. Und so stellte er fröhlich fest: „Now I‘m a tourist!“ („Jetzt bin ich ein Tourist!“).
Nachmittags als der Strom kippte, also die Flut einsetzte ging es dann los, zuerst unter der neuen Senegambia Brücke durch, deren Durchfahrtshöhe für uns wirklich ausreichte – die Angaben reichten von ca.17 m bis 20 m. 15,5 m brauchen wir. Blieb nur immer die Frage ob bei Hoch- oder Niedrigwasser gemessen wurde.

Erst einmal gab es nur Mangroven zu sehen und die üblichen Fischerboote. Erster Stop war dann Bombali, ein kleines Fischerdorf an einem Nebenarm, welcher Elefant Island vom Festland trennt. Elefanten gibt es dort nicht, nur Mangroven, Mangroven. In Bombali, das ich schon von vor zehn Jahren kannte, da ich dort damals eine Solaranlage geschraubt habe, hatten wir mit Bamala, einem Marabu und Freund von Menata, auch eine Anlaufstelle. Vor zehn Jahren war ich mal mit dem Taxi in Bombali, um mir die Situation vor Ort vor der Installation der Solaranlage anzuschauen. Die Straße war damals die Schlimmste, welche ich je in meinem Leben gesehen hatte; jetzt gibt es eine Asphaltstraße mit richtigen Verkehrsschildern, Stromversorgung und Wasser aus dem Hahn auf dem Hof! Bei Bamala gab es natürlich Ataya und Fernsehen – man hat ja jetzt Strom.






Am nächsten Tag ging es weiter bis ein paar Meilen vor Kaur, wo laut Ousmane ein ganz berühmter Marabu lebt und eine Koranschule betreibt. Mit den Religionen geht es hier gern ein bisschen durcheinander; man ist Imam und gleichzeitig Marabu, kein Problem. Moslems und Christen leben friedlich zusammen, kein Streit , kein Hass. Ausländer sind herzlich willkommen und sind in erster Linie Gast und werden mit durchgefüttert. Lästereien gibt es höchstens anderen Stämmen gegenüber, ähnlich wie bei uns mit den Bayern und den Preussen, den Sachsen und den Thüringern. Das kleine Städtchen Kaur liegt auf einem Hügel – sehr ungewöhnlich für Gambia – und es gibt eine Baustelle für eine riesige Moschee, da so viele Leute wegen dem Marabu dort hinpilgern.
Ousmane hält übrigens nicht viel von der „Arbeit“ der Marabus. Die Leute zahlen z.B. sehr viel Geld, damit der Marabu dann ein Gebet für ein Visum für Europa spricht. „Beten kann ich auch allein, da zahle ich dem Mann doch nicht tausende Dalasis!“.

Den darauffolgenden Tag fing die Landschaft am Fluss langsam an sich zu verändern, die Mangroven – salzliebend – gingen zurück und Schilf und Ölpalmen, welche stellenweise direkt im flachen Wasser wachsen, bestimmen jetzt das Bild. In Kintaur werfen wir den Anker und fahren mit dem Dinghi ins Dorf. Dort gibt es eine Lodge für Touristen, in welcher wir uns ein Bier und Ousmane eine Cola spendieren. Die Preise sind doch etwas schockierend, wenn man sonst „afrikanisch“ lebt, 7 Euro für die zwei Bier plus Cola – dafür müsste Ousmane einen Tag fischen gehen. Die Zimmer kosten hingegen nur 10 Euro die Nacht. Auf dem Rückweg begegnen wir der kleinen Fähre, welche eigentlich nur für Fußgänger konzipiert ist aber auf typisch afrikanische Art auch Motorräder mitbefördert.



Die Palmen gewinnen langsam die Oberhand und auch andere mir unbekannte Baumarten nehmen an den Ufern zu. Bis hier reicht das Salzwasser auch in der Trockenzeit nicht. Wir sind jetzt also „binnen“ unterwegs. Der Fluss mutet jetzt auch eher wie ein Fluss an und nicht wie bisher wie ein großer langgestreckter See. Mehrere Inseln tauchen auf und bleiben mal links und mal rechts liegen. Unzählige Fischernetze liegen quer über den Fluss, Ousmane beruhigt uns: „This Net is to the down.“ – „Dieses Netzt hängt tief.“. Wir können also einfach zwischen zwei Schwimmern in der Mitte durchfahren. Bis irgendwann ein Netz auftaucht, welches mittels winzig kleiner Styroporschnipsel an der Wasseroberfläche gehalten wird. Als wir es bemerken, ist es bereits zu spät, es hängt im Propeller. Also muss das Messer ran – armer Fischer. Aber selbst Ousmane als Fischer schimpft, dass es sich nicht gehört, ein solches Oberflächennetz quer über den Fluss zu spannen ohne in der Nähe zu bleiben und anderen Booten zu signalisieren, wo die Durchfahrt ist. So sind wir ab jetzt etwas langsamer unterwegs, mit dem Knäuel Netz um die Schraube. Ins Wasser steigen und den Propeller freischneiden möchte keiner von uns. Die Flusspferde, deren Köpfe man immer mal wieder aus dem Wasser tauchen sieht, halten uns davon ab. Außerdem ist das Wasser lehmig trübe, sodass man sowieso nichts sieht. Krokodile werden wir während der gesamten Fahrt nicht zu sehen bekommen. Dafür ist die Vogelwelt wirklich faszinierend. Wir erreichen die Baboon Islands, die Inseln, auf denen es Schimpansen gibt – heute allerdings zeigen sie sich nicht.










Am Tag darauf treffen wir einen Nationalpark Ranger, welcher superfreundlich ist und ein hervorragendes Englisch spricht, nicht unbedingt der Standard hierzulande. Er bindet sein kleines Kanu an der Planitzer fest und kommt an Bord. Gemeinsam fahren wir rüber zu den Inseln und er ruft die Schimpansen – in ihrer Sprache: „Uch, uch, uch“ und auf Englisch. Dann tauchen sie in den Bäumen am Ufer auf! Irre, unsere nächsten Verwandten in ihrer natürlichen Umgebung beim Früchte ernten und futtern zu sehen.




Der Rückweg nach Balingho verläuft weitestgehend ereignislos. An der engsten Stelle der Strecke – zwischen Bombali und Elefant Island kommt uns dann allerdings noch das gefürchtete „Peannut Boat“ entgegen, das flussaufwärts die geernteten Erdnüsse lädt und sie zum Export in den Hafen von Banjul fährt. Ein unmögliches Wassergefährt aus vier riesigen zusammengebundenen Transportlaichtern, gezogen an einer langen Leine von einem altersschwachen, untermotorisierten Motorboot – Manövrierbarkeit: Annähernd Null!. Die Jungs am Steuer sollen auch ständig besoffen und zugekifft sein und obendrein entschließen sie sich kurzfristig von Rechtsverkehr auf Linksverkehr zu wechseln. Leider passieren mit dem Peanut Boat auch immer wieder schwere Unfälle. Als das Boot im letzten Jahr, verbotenerweise, bei Nacht und unbeleuchtet fuhr, sind drei Fischer aus Balingho ums Leben gekommen. Erleichterung macht sich breit, als sie endlich vorbei sind.

Die letzten fünf Meilen ist Rasmus dann mit uns und wir können bis Balingho segeln. Sieben ereignisreiche Tage liegen hinter uns und wir sind wieder zu Hause.


Hinterlasse einen Kommentar