Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Gambia Teil 7


Ousmane neues Fischerboot

Am 3. Februar nach dem großen Abschied in Balingho ging es mit Ousmane los Richtung Banjul, Richtung Meer. Nach zwei Tagen Flussfahrt war das Wasser so salzig wie im Atlantik und auch das Mündungsbecken des Gambia River vermittelte eher das Gefühl, auf dem Meer zu sein statt in einer Flussmündung. Am dritten Tag morgens ankerten wir dann vor der Pier in Banjul und waren eine Stunde später beim Bootsbauer, welcher ebenfalls Ousmane hieß, aber aus dem Senegal stammte und neben Mandinka und Wollof nur Französisch und ganz wenige Brocken Englisch sprach. Ousmane musste also für uns zwischen Englisch und Wollof übersetzen. Der Bootsbauplatz befand sich auf einem vielleicht 15 m breiten Streifen zwischen dem Southbank Highway und der Hochwasserlinie. 

Im Voraus hieß es, das Boot sei in zwei bis drei Tagen fertig. Jetzt kam noch einer dazu, um das Holz in Barra auf der anderen Flussseite einzukaufen. Außerdem müssten sie noch ein anderes Boot zu ende bauen, was wiederum zwei Tage dauern würde – heute ist Sonntag und bis spätestens Freitag oder Sonnabend sollte es fertig sein. Preis 25.000 Gambian Dalasi, also 333,33€. Kleinere Boote, wie das für Ousmane werden meist ohne Querspanten  gebaut; daran kränkeln diese kleinen Boote aber später häufig. Die seitliche Instabilität führt zu Leckagen. Ein weiteres gängiges Problem ist die Dichtigkeit im unteren Bereich – die unteren Fugen werden mit einer Mischung aus Styropor gelöst in Benzin und mit Sägespänen angedickt verkleistert (diese Rezeptur hat mal ein Schweizer hier gelassen, so kann man ganz einfach Kunststoff selber herstellen und verarbeiten). Leider entsteht dadurch ein Hartkunststoff welcher am Holz, das entsprechend der Feuchtigkeit arbeitet, nicht dauerhaft anhaftet. Auf der Bootsinnenseite wird die Paste dann noch mit angenagelten Gurtbändern abgedeckt. Wenn das Ganze dann nach spätestens einem Jahr anfängt zu lecken, dichten die Fischer mit Zement (!!!!) ab, was auch nur von früh bis mittag hält.

Ousmanes Boot sollte deswegen etwas anders aussehen:
– 7,5 m lang – klein genug, um auch per Paddel bewegt werden zu können
– mit Heckspiegel – damit der alte Außenborder, den er von uns bekommen hat, dran passt
– 4 Querspanten für die Stabilität
– unter der Wasserlinie außen mit Teer beschichtet, auch die Fugen mit Teer gefüllt
– innen „klassisch gambisch“ verfugt und das Holz geölt, damit es konserviert und gleichzeitig atmungsaktiv bleibt

Teer und Öl wollten wir machen, den Rest der Bootsbauer. Nachdem alles abgesprochen war gingen wir auf den Markt zu den Händlern für Fischereibedarf um den übrigen Kram zu Kaufen: Netz, Leinen, Schwimmer für das Netz, Anker, Teer, Pinsel, etc.

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Lamin Lodge, wo wir ein bisschen Ruhe suchten und der Weg nach Serekunda – Anne wollte da unbedingt mal hin – kürzer ist. Lamin Lodge liegt im Lamin Bolon, also einem Nebenarm des Gambia, ca. 1,5 h bei Schleichfahrt von Banjul entfernt. Schleichfahrt ist auf Grund der Untiefen und zahllosen Wracks dringend empfohlen. Hinzu kommt, dass, wie in Gambia üblich, die Weltkarte aus dem Schulatlas der aktuellsten Seekarte qualitativ in nichts nachsteht; sprich, man muss seinen Weg einfach finden … Die Lodge ist keine Unterkunft für Touristen, Peter aus Düsseldorf ist hier vor Jahrzehnten mit seinem Segelboot hängengeblieben und hat ein Refugium für sich selbst und andere Segler geschaffen. Ich durfte ihn vor 10 Jahren noch selbst kennenlernen und seinen 70sten mit ihm feiern. Inzwischen ist er verstorben und die Einheimischen – sowohl blickige Leute mit Ideen als auch dauerbekiffte Abzocker – haben die Lodge für sich entdeckt und übernommen. Mit Hilfe einiger motivierter Segler wurde vor ein paar Jahren sogar eine Dusche gebaut. Es gibt einen Wasserhahn, eine Bar, ein kleines Restaurant (hier essen wir gerne Hähnchenpastete – Minidöner nennt Anne die), ein paar Klamottenhändler und einen Obsthändler. Überall häufen sich Berge von Austernschalen – Frauen in kleinen Kanus fahren jeden Morgen zu den mangrovenbewachsenen Ufern um Austern zu ernten. Das Austernfleisch wird dann gekocht und verkauft. Peter hatte den Leuten damals erklärt, wie sie den Kalk der Schalen brennen und daraus Zement machen können. Seitdem sind die Berge mit den Schalen so unglaublich angewachsen, dass sich der Eindruck aufdrängt, dass nichts mit ihnen gemacht wird, nur das „Endlager“ wird immer größer.

Erst einmal gehen wir eine der schlimmsten Straßen Gambias (tiefster Sand) nach Lamin rein um einzukaufen und mit Ousmane mal „kurz“ bei seiner Cousine Mariama vorbeizuschauen. Aus kurz wurde ein halber Tag und es gab gegen halb vier ein wunderbares Mittagessen, netterweise für mich, mal ohne Fisch, dafür mit Hähnchen und vielen Sorten Gemüse. Auf dem Rückweg wurde dann noch das nötigste eingekauft. 

Am Donnerstag sind wir dann mit dem Bus (Hyundai, über 20 Jahre alt, total klapprig und 19 Mann an Bord nach Serekunda (ca. 200 000 Einwohner) reingefahren. Anne wollte unbedingt in den dortigen Buchladen, den mutmaßlich einzigen in Gambia. Die Auswahl an Gambischer Literatur war leider sehr Bescheiden. Am Ende viel die Wahl auf ein Büchlein zur Geschichte Gambias und zwei Kinderbüchern für die Kinder von Ousmane und Bakary. Für den Skipper fiel eine über 30 Jahre alte englischsprachige Ausgabe von Wie repariere ich meinen Mercedes Diesel  ab – wir haben einen Mercedes OM 617 von 1978 im Boot verbaut – ab. Dann waren wir noch einkaufen, ein paar Leckerlies wie Silberzwiebeln, ein Stück Gouda …

Mit dem Minibus von Lamin nach Serekunda, jeweils zu viert in einer Reihe. Zurück waren wir mal verschwenderisch und haben ein Taxi genommen 🙂

Am Freitag ging es dann zurück nach Banjul um beim Bootsbauer festzustellen, dass abgesehen von der Mittelplanke noch nichts passiert war – am Dienstag lief unser Visum aus! Ab da fuhr ich Ousmane jeden Morgen mit dem Dinghy an Land und er stand neben den Bootsbauern, damit es voran ging. Wir verlängerten unser Visum um einen weiteren Monat …  Am Mittwoch konnte ich außen die Fugen mit Teer vergießen und das Unterwasserschiff mit Teer streichen – bei 38°C im Schatten – in der vollen Sonne! Es gab mehrere anerkennende Kommentare vorbeikommender Fischer: Das hält dicht! Das hält ewig! Da kommt kein Wasser rein! Donnerstag hat Ousmane das Boot von innen im Unterwasserbereich geölt.


Freitag Abend hieß es dann, schneller als gedacht, Abschied nehmen. Ousmanes Frau Nyara lag im Krankenhaus und er wollte möglichst schnell nach Hause. Die Farbe für den Überwasserbereich hatten ihm die Bootsbauer mitgegeben, das Streichen wollte er selbst zu Hause machen. Er hatte dann auch Tränen in den Augen als das Boot von der Planitzer ablegte und auch wir waren alles andere als fröhlich gestimmt. Dank eines befreundeten Fischers, welcher auch nach Balingho wollte und seinen 15PS Außenborder an Ousmane neues Boot hing, schafften sie es dann auch in 10 Stunden bis Balingho. Als sich Ousmane abends meldete, war seine Nyara gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, es ging ihr gut. 

Trauriger Abschied von Ousmane.

Wir beschlossen, nach Lamin Lodge zurückzufahren und ein paar Tage „Urlaub“ zu machen. Die letzten Tage waren doch arg stressig und anstrengend gewesen, hatte uns doch in der Nacht zum Montag ein rotter chinesischer Fischtrawler nachts um zwei Uhr auf die Nase geknutscht, sprich er war mit 3–4 Knoten frontal in uns reingefahren. Zum Glück für uns hat er genau unseren Ankerbeschlag aus 10 mm V4A Stahl erwischt und trotz geschätzt 30 Tonnen keinen großen Schaden anrichten können. Der Bugkorb ist ein bisschen verbogen und eine Strebe am Ankerbeschlag etwas eingedrückt. Dazu kam noch der Ärger mit Navy/Navy Police welche anscheinend vom Agenten der Chinesen entsprechend bestochen worden war. Der Fall würde an das Fishery Department übergeben werden – ha, ha. Das ist so als wenn einem ein Betonlaster ins Auto kracht und die Polizei übergibt den Fall ans Bauamt. TIA – This Is Africa! Das einzig lustige an der Erfahrung war Ousmanes Reaktion direkt nach dem Crash. Erst beschimpfte er den Kapitän des Trawlers auf Chinesisch – die Schimpfworte hatte ihm mal ein Freund beigebracht, leider konnte er sich nicht mehr an die Bedeutung erinnern. Dann saß er im Cockpit und sagte voller Innbrunst – „Scheiße, Mann!“ Gambier sind unglaublich gut im Aufschnappen von Fremdsprachen.

Die Übeltäterin „Miss Tina“ hatten wir wegen des Namens zufällig schon bei unserer Ankunft in Gambia fotografiert …

2 Antworten zu „Gambia Teil 7”.

  1. Hey, geht´s euch noch gut?

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    1. Hallo Ellen, ja uns geht’s gut! Gestern Abend sind wir in Kapverden gelandet. Haben total verpeilt, dass heute Karfreitag ist und uns gewundert warum alles geschlossen ist. Frohe Ostern 😁

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