Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Von Cabo Verde nach Brasilien


Wie immer beginnt unser Text mit einer Entschuldigung für die lange Funkstille! Wir sind nun schon seit einem guten Monat in Brasilien …
Doch nach Gambia und Cabo Verde verlangt dieses riesige Land doch einiges von uns ab und so haben wir viel Zeit gebraucht um „anzukommen“. Nach Götz Bericht zu unserer Atlantiküberquerung folgt dann bald auch ein erster Text zu Brasilien – versprochen …

Am 10. Juni brachen wir in Mindelo, Cabo Verde, Richtung Salvador de Bahia in Brasilien auf. Vor uns lagen knapp 2000 nm Luftlinie. Da schon der erste Tag vom Wind und der Welle her eher nicht so gut lief, erfüllte ich mir einen langgehegten Traum und wir stoppten für ein paar Tage auf der Kapverdischen Insel Brava – „Die Unbezähmbare“. Diese im äußersten Südwesten der Inselgruppe gelegene Insel ist relativ grün, nur dünn besiedelt, hat keinen Flughafen und wird nur unregelmäßig von Fähren angelaufen. Es gibt keine Anlegemöglichkeit für Sportboote; man liegt vor Anker mit sehr langer Landleine zur Uferbefestigung. Eigentlich kann man hier weder ein- noch ausklarieren und wir waren in Mindelo ja schon offiziell ausgereist, aber der Polizist von der Policia Maritima machte keinen Stress, als ich was von technischen Problemen erzählte. In dem Dorf Furna unten an der Ankerbucht finden sich einige dicht gedrängte Häuser, drei Kirchen, ein Restaurantchen mit drei Tischen ohne Speisekarte, wo man nachmittags sagt, was man essen möchte und abends dann zum Essen hingeht. Drei Mikroläden, eine Bäckerin ohne Laden (die Brötchen liegen ausgebreitet vor dem großen Steinofen auf dem Hinterhof) und ein paar kleine Bars runden die Infrastruktur ab. Als öffentliches Verkehrsmittel fungieren Aluguers bzw. Collectivos. Das sind PKWs, Pick-Ups oder Kleinbusse die nach Bedarf hoch in die Inselhauptstadt Vila Nova (ca. 2500 Einwohner) und zurück fahren. Während ein Aluguer wie ein Taxi mit Festpreis funktioniert, sind die Collectivos Sammeltaxis, die auf der Strecke Fahrgäste einsammeln. Der Übergang ist aber fließend. Als wir mit unseren Dieselkanistern von Vila Nova zurück zum Ankerplatz wollten nahmen wir einen Pick-Up als Taxi für 6 Euro. Jeder der zusteigt, zahlt einen Euro, so dass ab vier Zugestiegenen auch wir nur den Aluguer-Preis zahlten. Steigen mehr als vier (plus wir zwei) zu, verdient der Fahrer und Eigner zusätzlich. Eine gute Idee auch mal für Deutschland …

Vila, so wird die Inselhauptstadt bei den Einheimischen nur genannt, ist ein schönes kleines Städtchen, noch stark vom Kolonialstil geprägt. Die Leute dort haben so selten mit Touristen zu tun, dass sie extrem aufgeschlossen und freundlich auf einen zugehen. Als wir Guthaben fürs Handy kaufen wollten, mussten wir feststellen, dass es keinen Händler gab, der für unseren Netzbetreiber Guthaben verkaufte. Ein Händler hatte aber die Lösung: Er rief einen Bekannten an, den wir dann auf der Straße trafen. Ein Anruf bei einem weiteren Bekannten von der Telefongesellschaft und wir hatten wieder Guthaben auf dem Handy. Wir würden gern noch ein mal nach Brava zurückkommen.


Am 15. Juni ging es dann endlich los Richtung Brasilien. Der Plan war mit dem Nordost-Passat und dem westwärts setzenden Nordäquatorialstrom zuerst einen Kurs WSW zu steuern, um dann bei etwa 30° W die Innertropische Konvergenzzone (ITKZ) zu erreichen, in welcher mit wechselnden Winden zu rechnen ist. Der Äquatoriale Gegenstrom (ca. 2 kn ostwärts setzend) sollte uns bei SW-Kurs durchs Wasser nach SSO versetzen, so dass wir über die Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felsen (ein weiterer Traum von mir, dort betreiben die Brasilianer eine kleine Wetterstation) den SO-Passat bei ca. 28° W erreichen und einen guten Winkel zum SO-Passat auf der weiteren Reise Richtung Salvador haben sollten. Soweit der Plan!

Die ersten Tage verliefen ganz gut, wenn auch sehr langsam auf Grund der Flautenschleppe südwestlich der Kapverden, welche sich zweihundert Meilen weit zog. Bei Erreichen der ITKZ drehte der Wind auf S und der Äquatoriale Gegenstrom war nicht mehr existent! Wir haben ein El-Niño-Jahr – nur dass sich das Phänomen des Ausbleibens des Äquatorialen Gegenstroms in den letzten El-Niño-Jahren auf den Pazifik beschränkte …  Wir hatten jetzt stattdessen etwa 1,5–2 kn nordwestsetzenden Strom und mehr oder weniger Gegenwind. Zwischenzeitlich drehte der Wind für drei Tage sogar auf SW, also genau von vorne. Strom und Wind drückten uns immer stärker nach Westen, nur dass wir nicht in die Karibik wollten. Also Motor an. Mit dem Motor ist das so eine Sache: Fährt man langsam und spritsparend, so haben wir bei glatter See ohne Strom eine Reichweite von ca. 700 nm, aber wenn man mit drei Knoten durchs Wasser tuckert, bleibt bei zwei Knoten Gegenstrom nur ein jämmerlicher Knoten über Grund übrig. Gibt man mehr Gas geht der Verbrauch hoch, und der Sprit reicht nicht so lange. Kreuzen macht bei schwachem Wind gegen den Strom keinen Sinn. Die zweite und dritte Woche kamen noch unzählige Squalls dazu, kleine Regen- und Gewitterzellen, welche mal Regen, mal keinen Regen, mal 50kn Wind und mal 10 kn Wind bringen, mal Blitz und Donner und mal nicht. Man muss stets auf die schlimmste Variante vorbereitet sein. Also Segel weitestgehend runter und gegebenenfalls Maschine an (geht auch auf die Spritreserven). Da der Wind außerhalb der Squalls unter 10 Knoten betrug, tendenziell eher 6–8kn, hatten wir die Taktik mit Großsegel im ersten Reff plus Leichtwindgenua zu segeln und bei erreichen eines Squalls die Leichtwindgenua runter zu nehmen. Nun, die Situation war nicht gefährlich, im schlimmsten Fall währen wir in Guyana gelandet, nur da wollten wir halt nicht hin. An die Nerven ging die Situation schon gewaltig, setzt doch an der Nordküste Brasiliens ein NW-setzender Strom Richtung Karibik, welcher dank bis zu 4 kn eine Reise Richtung Süden die Küste lang quasi unmöglich macht und alle Pläne über den Haufen geworfen hätte. Der erste Plan, der sich erledigt hatte waren die Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felsen; ca. 240 nm nördlich des Archipels gaben wir auf und gingen auf WSW-Kurs Richtung Cabedelo nahe der NO-Ecke Brasiliens. Zwischenzeitlich, nachdem der Wind sich bequemt hatte, etwas östlicher als S zu drehen, schien auch Maceió, ca. 300 nm südlich Cabedelo, möglich zu sein. Schließlich wurde es dann, nach 24 Tagen auf See, Tamandaré, 90 nm nördlich Maceió. 

Squalls machen uns das Leben schwer. Götz entwickelte einen sportlichen Ehrgeiz den Dingern auszuweichen. Wenn es dann allerdings so aussah wie auf dem Radarbild, hieß es nur noch Augen zu, Regenjacke an und durch.

Was es sonst noch zu berichten gibt: Ein atlantischer Sturmtaucher (Puffin) flog uns zu und ließ sich für zwei Tage auf unserem Großbaumende nieder um unser Sonnendach vollzuschei…  Ein paar Tage später kam er wieder und brachte ein Junges mit, welches es sich auf der Sprayhood bequem machte. Zwei Fische gingen an den Haken und wurden für die Bordfrau zubereitet. Wale sahen wir keine, Delphine selten. Ein paar portugiesische Galeeren sahen wir vorbeischwimmen und viel Seetang. Die Durchschnittstemperatur unter Deck betrug rund um die Uhr 29–30°C. Mit zwei Ausnahmen gab es jeden Tag ein warmes Essen, die letzten frischen Tomaten aßen wir in Brasilien. Ach ja, mittlerweile stehen rund 7500 nm auf der Logge – das entspricht gut einem Drittel des Erdumfangs.

Äquatorüberquerung mitten in der Nacht – so unspektakulär wie Silvester alleine zu Hause. Der Skipper schlief und meine drängendste Frage seit Tagen war: Was passiert auf der GPS-Anzeige bei 00°00′.000? Eigentlich dürfte bei der Breitenangabe weder Nord noch Süd stehen … Naja, die Enttäuschung war groß …
Der kleine Scheißer …
Fast geschafft – die letzten Meilen ziehen sich wie Kaugummi

Zeit, auch mal Danke an alle zu sagen, welche uns unterstützt haben – finanziell, mental mit Ersatzteilen, Werkzeug und Tips, mit Erzählungen und Empfehlungen. Ein ganz besonderes Dankeschön von mir an dieser Stelle an Hans Baba, bei dem ich vor vierzig Jahren richtig segeln lernte, nachdem ich mir die Grundlagen zuvor im Faltboot selbst beigebracht hatte.

Fazit von Anne: 24 Tage auf See ziehen sich doch ganz schön, zwei Wochen hätten auch gereicht! Aber: nach tausenden von Meilen und eben so vielen fragwürdigen Hausmitteln gegen Seekrankheit, kann ich berichten, dass schnöde Tabletten gegen Reisekrankheit tatsächlich wirken :-). Das liebevoll zubereitete Essen vom Smutje blieb diesmal drin!

Eine Antwort zu „Von Cabo Verde nach Brasilien”.

  1. Vielen Dank. Liebe Grüße, Ellen 

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