
Was sollen wir sagen, gestern war Nikolaus und wir sind immer noch in Brasilien …
Ein paar Tage nach unserem letzten Blogeintrag wollten wir uns Richtung Uruguay auf den Weg machen. Da es auf den 500 Meilen zwischen dem Großraum Florianopolis und dem ersten Hafen in Uruguay nur noch eine einzige Möglichkeit für einen Zwischenstop gibt, brauchten wir ein einigermaßen großes Wetterfenster mit Wind aus nördlichen Richtungen. Pünktlich zum Abfahrtstag änderte sich die Wetterlage natürlich wieder. Um aber endlich loszukommen, beschlossen wir 40 Meilen südlich von Florianopolis, in Imbituba abzuwarten. Wir ankerten inmitten der Fischer vorm Strand, der durch die Mole des Industriehafens nebenan in der Theorie gut geschützt aussah … Lange Rede, kurzer Sinn – eines Nachts (wir lagen schon im Bett) gab es einen kräftigen Ruck. Bevor wir richtig kapiert hatten, was los ist, saß die Planitzer schon halb auf dem Strand. Eine Weile versuchten wir uns noch mit Vollgas aus der Situation zu befreien – ohne Erfolg, die Plani hatte sich, Heck voran, auf den Strand geschoben. Eine unheilige Mischung aus geringer Wassertiefe/wenig Platz/relativ kurze Ankerkette, auflandigem Wind und starkem Schwell hatte die Verbindung von Kette zu Anker entschärft. Und dann hockten wir erstmal halbwegs schockiert und ratlos im Cockpit. Die Brandung klatschte gegen die Bordwand und da wir nicht komplett auf dem Trockenen saßen, fühlte es sich ein bisschen an wie im Autoscooter. Am Strand gab es inzwischen auch einige Schaulustige und irgendwann hörten wir ein „Ola?“ und über unsere Badeleiter kletterte ein Feuerwehrmann in T-Shirt und Schwimmshorts an Bord (Das Wasser hatte also Stehtiefe :-)). „Geht’s euch gut? Können wir irgendwas für euch tun?“. „Wenn ihr über Nacht nicht an Bord bleiben wollt, könnt ihr auch in einer der Fischerhütten am Strand übernachten!“ Die freundlichen Worte und die Anteilnahme haben unsere Laune gleich etwas gehoben. Wir wollten aber an Bord bleiben und uns am nächsten Morgen Hilfe im Hafen suchen. Unser Ausflug zum Hafen brachte dann noch keine Lösung aber eine Menge Telefonnummern. Nach wildem Hin und Her und unglaublich viel Hilfsbereitschaft fand sich dann ein Lotsenboot, das uns an einer langen Leine und mit Vollgas vom Strand ziehen konnte. Als sich die Plani dabei um 70 Grad neigte und Wasser und Sand ins Cockpit schwappten entfuhr mir ein Panikschrei woraufhin Götz sachlich, aber etwas ungehalten feststellte: Anne, wir sitzen auf dem Strand, wir können nicht absaufen! 30 Sekunden später schwammen wir wieder.

Chaos unter Deck nach der Aktion. Gute Seemannschaft hätte natürlich bedeutet vorher zumindest den Topf mit den Nudeln vom Herd zu nehmen … So hat sich sein Inhalt einmal über den Werkzeugkasten verteilt. Wenigsten hat der geliebte Senf alles gut überstanden.
Dann ging es im Schlepptau erstmal längsseits an ein Arbeitsschiff im Hafen. Durchatmen und Schäden begutachten. Da wir schwammen und kein Wasser eindrang, war das wichtigste schon mal geklärt – der Rumpf hatte nichts abbekommen. Gutes altes Stahlschiff! Das Ruder ließ sich allerdings nur ca. 20 Grad nach links und rechts bewegen – der Skeg hatte sich vermutlich verbogen. Außerdem hatte unser Schwingkiel ein Problem. Er ließ sich nicht mehr bewegen, das Stahlseil zum Hoch- und Runterlassen hing lose im Kielkasten, war aber nicht gerissen. Im trüben Hafenbecken konnte Götz so gut wie nichts erkennen, hat aber zumindest ertastet, dass der Kiel nach unten hängt.
Dann tauchten erst einmal nacheinander die Policia Federal und die Marina do Brasil auf um den Papierkrieg zu erledigen, was am nächsten Tag weiterging. Zwei Nächte blieben wir in einem kaum genutzten Hafenbecken an einer Mooringstonne liegen, bevor wir uns auf den Rückweg Richtung Florianopolis machten – das Boot musste aus dem Wasser, um die Schäden an Kiel und Ruder zu inspizieren und zu reparieren.


Für die ganze Aktion wollte übrigens niemand auch nur einen einzigen Cent sehen. Muito Obrigado, Imbituba!
Auf dem Weg stellte sich dann noch heraus, dass der Motor ständig Kühlwasser verlor. Die erste Hälfte des Weges motorten wir und dann segelten wir den Rest bis zum Yachtclub, wo wir uns wieder an die altbekannte Mooringstonne von vor ein paar Tagen legten. In den relativ flachen Hafen hinein trauten wir uns mit unserem derzeit unbekannten Tiefgang nicht. Unser Freund Yann hatte uns damals auf La Gomera ein Kreuz in Biguacu hier in der Nähe in die Karte gemacht: Hier ist Rogerios Marina, der ist ein sehr guter Freund. Also auf nach Biguacu, d.h. in den Rio Biguacu. Nur leider ist die Zufahrt a….flach und wir mit unserem runterbaumelnden Kiel hatten mindestens 2,40m Tiefgang (eigentlich 3m, wie sich später herausstellen sollte). Und so kam was kommen musste, wir saßen ziemlich schnell fest. Dann wurde hin und her whatsapped immer mit dem Umweg über die Überstzungsapp, da Rogerio angeblich kein Wort Englisch spricht und am nächsten Morgen zog uns Rogerio mit Hilfe eines befreundeten Fischers und dessen kleinem Boot (5m mit mit 45ps aber riesigem Propeller) über die Sandbank in den Fluss bis an den Steg. Wir konnten erst einmal durchatmen.

Leider konnte uns Rogerios kleiner, betagter Kran nicht rausheben, aber er organisierte einen mobilen Kran, der uns nach ziemlich viel „geht – geht nicht“ und 8t Zusatzgegengewicht aus dem Wasser zog. Was war nun kaputt? Der Stahlträger, welcher den unteren Drehpunkt des Ruders mit dem Rumpf verbindet, hatte beim Rückwärts Auflaufen wohl den einen oder anderen Schlag von unten mitbekommen. Jetzt bekam er ein paar ordentliche Schläge von oben plus 10 min Flex mit Fächerscheibe und das Ruder drehte wieder frei. Der Kiel hatte sich beim Absetzen auf den Boden in den Kielkasten eingedreht, so dass Götz jetzt von oben durch die Revisionsklappe die Sache in Augenschein nehmen konnte … An der Oberkante des Kiels befinden sich zwei Löcher. Durch das eine geht ein Schekel, durch welchen das Stahlseil geht mit dem der Kiel dann hydraulisch hochgeschwenkt wird. Dieser Schekel war gebrochen und verschwunden. Durch das zweite Loch ging ein 15mm Bronzebolzen welcher den unteren Anschlag im Kielkasten bildet, wenn man den Kiel runterlässt. Die eine Hälfte dieses Bolzens fanden wir nach dem Kranen unter dem Boot. Er war so lange im Kielkasten hin- und hergekullert bis er dann den Weg nach draußen fand. Rogerio hatte einen neuen gebrauchten Schekel (zwei Nummern stärker als der Alte) für uns und den Bolzen ersetzte Götz mit einem dicken Gewindebolzen samt Unterlegscheiben und Muttern. Blieb noch das Kühlwasserproblem am Motor. Zuerst hatten wir die Vermutung, dass die Ablassschraube unten an den Kühltaschen etwas mitbekommen hatte, aber es war schlicht und einfach nur ein dicker Kühlwasserschlauch von einem Rohr fast abgerutscht – eine halbe Stunde suchen plus 10min Schellen wieder neu festziehen, fertig. Da wir schon mal an Land standen haben wir natürlich erst mal das Unterwasserschiff saubergemacht – minus zweihundert Kilo Seepocken, Austern und anderes Getier (die letzte gründliche Reinigung war gerade mal vier Monate her) – und frisch gestrichen. Rogerio meint, jetzt sind wir einen ganzen Knoten schneller. Hoffentlich hat er Recht.




Rogerio ist in den drei Wochen hier ein richtig guter Freund geworden. Englisch spricht er übrigens doch ein bisschen und mit einem Kauderwelsch aus Englisch, Portugiesisch und Spanisch unterhalten wir uns abends beim Wein oder Bier ganz gut und zur Not gibt es ja noch die Übersetzung App auf dem Handy. Einfache deutsche Wörter, wie fünf und Kurzsichtigkeit beherrscht er inzwischen übrigens auch schon. Morgen früh bei Hochwasser soll es dann endlich losgehen Richtung Uruguay und weiter nach Buenos Aires, wo dann unsere Freunde Peter und Franzi Anfang Januar aufschlagen.




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