
Am 9. Dezember sind wir endlich nach all den Reparaturen und der Reinigung und farblichen Auffrischung des Unterwasserschiffs losgefahren. Eigentliches Ziel war La Paloma, der erste Hafen in Uruguay, gegebenenfalls mit einem kurzen wetterbedingten Stop in Rio Grande, dem südlichsten Hafen Brasiliens. Bis La Paloma waren es ca. 540 nm, bis Rio Grande 380nm. Plan war, am Anfang gegen den schwachen Südwind anzutuckern, welcher später auf Nordnordost drehen sollte. Plan hin, Plan her, nach nicht einmal einem Tag gab es ein ungewohntes Geräusch aus dem Motorraum und die Geschwindigkeit ging immer weiter runter bis auf null. Später stellte sich heraus, dass die Kupplungs- oder auch Dämpferscheibe, welche Motor und Getriebe verbindet, sich in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Da der Wind mittlerweile, wenn auch nur leicht, aus Ost bließ, setzten wir die Segel. Jetzt stand bereits fest, dass wir Rio Grande ansteuern würden. Es blieb nur die Frage, ob uns die Windrichtung erlauben würde, in den Hafen reinzusegeln oder ob wir Schlepphilfe benötigen würden. Als wir drei Tage später Rio Grande erreichten, funkten wir den Hafen und die Lotsenstation an. Die Antworten fielen seeeeehr sparsam aus bzw. blieben ganz aus. Wir wurden nach unserer Position gefragt, bekamen aber keine Antwort auf die Frage, wann denn Schlepphilfe kommt. Die Situation am Beginn der Fahrrinne wurde langsam prekär, da der Sand vom Baggern der Fahrrinne ziemlich wahllos in die Gegend gekippt wird und Informationen darüber und über die Position der häufig verlegten Tonnen weder an die Seekartenverlage weitergegeben werden noch in den Nachrichten für Seefahrer veröffentlicht werden. Nachdem auch noch der Wind zunahm und die Wellen in dem, dank Aufschüttung, extrem flachen Revier eine, im Verhältnis zur Wassertiefe, gefährliche Höhe annahmen gaben wir die Hoffnung auf Hilfe an diesem Ort –nach vier Stunden vergeblichem Warten– auf und drehten ab auf die offene See mit Kurs Südwest Richtung La Paloma. Der Wind nahm im Verlaufe der nächsten 24 Stunden weiter zu, so dass wir zum Schluss unter Sturmfock pur fuhren und das mit für uns ungewöhnlichen 6–8kn. In der Nacht erreichte der Wind –nach meiner Schätzung– ca 50kn. Die Wellen gingen auf 6–7m hoch. (Später im Hafen meinten die Segler dort, der Wetterbericht habe von 55kn in unserem Gebiet gesprochen – das ist die Grenze von 10 zu 11Bft.) Alles nicht sehr angenehm, aber doch mit einem schweren Stahlschiff noch gut beherrschbar. Ich steuerte die Nacht von Hand durch, um den brechenden Wellen nach Möglichkeit auszuweichen, Anne übernahm dann am Morgen bei „moderaten“ 7–8Bft. Leider hatte der Wind auf Südwest gedreht, also genau von vorne – 63nm vor La Paloma! Jetzt hieß es nicht zu viel Höhe zu verlieren (nicht zu weit nach NO zurückzutreiben). Damit beschäftigten wir uns die nächsten zwei Tage und in den drei Nächten drehten wir bei um ausreichend Schlaf zu finden (pro Nacht etwa 15–20nm Abdrift nach NO). Als der Wind dann endlich wieder Richtung SO und später Ostnordost drehte waren aus den 63 Restmeilen 136 geworden. Als wir am darauffolgenden Abend bis auf ca. 25nm an La Paloma rangekommen waren drehten wir bei einem immer noch frischen Wind erneut bei, um dann bei Tageslicht den Hafen anzusteuern. Der Wind hatte über Nacht extrem nachgelassen, so dass wir uns dem Hafen eher in Schleichfahrt näherten. Als wir dann in Sprechfunkentfernung heran waren funkte ich den Hafen an und bekam sehr schnell eine Antwort. Die Dame sprach vorzüglich verständliches Englisch und versprach schnelle Hilfe. Bald sahen wir ein orangefarbenes Fahrzeug näher kommen, welches uns anfunkte und mitteilte, dass sie uns in ca. 15min in Schlepp nehmen würden. Als sie näher kamen sah das Lifeboat sehr vertraut aus in den in Deutschland üblichen Farben Orange, Weiß und Grün mit einem kleinen Tochterschiff auf dem Achterdeck. Später stellte sich heraus, dass es die frühere Alfried Krupp war, die als Seenotkreuzer Jahrzehnte auf Borkum Dienst getan hatte – auf ihrem Nachfolgeschiff war ich vor zehn Jahren mit Jana zur Besichtigung gewesen. Es wird jetzt von der uruguayischen Marine betrieben und ist als einziges Schiff der hiesigen Marinebasis sozusagen das Flaggschiff. Die Jungs zogen uns bis an den Steg, wo schon mindestens zwanzig Segler und Marineangehörige warteten. Alle waren extrem freundlich und hilfsbereit. Hier im Hafen gibt es eine Gruppe von „hängengebliebenen“ Seglern aus Frankreich, Türkei, Kanada und Argentinien. Dank deren Hilfe und der Hilfe von Manso, dem lokalen Mechaniker, welcher hier die Motoren der Fischerboote am laufen hält, hatten wir auch innerhalb weniger Tage unsere neue Dämpferscheibe für den Motor. Zweimal vier Stunden für Aus- und Wiedereinbau des Getriebes und Ischias nach dem Einbau- und der Motor läuft wieder.
La Paloma ist ein verschlafenes Örtchen, vom Charakter her irgendwo zwischen Dorf und Kleinstadt und erinnert ein bisschen an vergessene Orte in Mecklenburg-Vorpommern. In der Hochsaison –jetzt, ab Weihnachten– füllt es sich mit Touristen. Der Caravan-Stellplatz hier am Hafen ist schon fast voll, es gibt Ferienhäuser und -wohnungen, Zeltplätze und Cafés. Ein paar Supermärkte mit überschaubarem Angebot, Fleischer, Bäcker, eine Drogerie sowie zwei Mini-Baumärkte und am Samstag einen Markt am Busbahnhof. Alle wirken sehr entspannt, man grüßt sich auf der Straße. Autos schleichen eher als dass sie rasen – ein Ort der Beschaulichkeit. Auf dem Markt verkaufte übrigens ein Ossi aus der Nähe von Leipzig (sehr gute) Äpfel und Pflaumen – Uruguay ist ein sehr einwanderungsfreundliches Land und die Preise für Farmland sind günstig.








2. Weihnachten in Uruguay heißt übrigens offiziell „Familientag“. Das Land hat seit über hundert Jahren eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Zu Ostern wird offiziell die „Tourismuswoche“ begangen. Weihnachtsbäume gab’s trotzdem – sowohl an Bord, als auch in der Stadt 🙂
3. Banu und Deniz, ein türkisches Paar, das schon seit einigen Jahren mit dem Boot in La Paloma liegt, leihen uns gerne mal ein oder zwei ihrer drei! Hunde 🙂


Anfang Januar geht’s für uns langsam weiter auf dem Rio de la Plata Richtung Buenos Aires – wo dann schon unsere Freunde Franzi und Peter warten. Wir wünschen Euch einen guten Rutsch und ein friedliches neues Jahr!!!
Hinterlasse einen Kommentar