
Weiter im Text 😉
Am 5.1.2025 ging es von La Paloma weiter Richtung Argentinien. Die Maschine lief wieder, die geliebte und altersschwache grüne Genua (Leichtwindsegel), „Miss Green“, hatte ich auch mal wieder geflickt. Banu von dem türkischen Boot in La Paloma hat die selbe Nähmaschine wie ich, sie aber noch nie benutzt. So holte sie denn ihre Nähmaschine raus und ich erklärte ihr alles und stellte ihr die Unterfadenspannung wieder korrekt ein und unsere Genua diente dabei als Übungsobjekt. Praktisch – zwei Fliegen mit einer Klappe!

Unser Weg sollte uns um die Südspitze von Uruguay (Punta del Este) in den Rio de la Plata und dann das westliche Fahrwasser bis La Plata hinauf führen. Dort wollten wir einklarieren – Banus Mann Deniz meinte, es sei dort weniger bürokratisch als in Buenos Aires und Umgebung. Hier erst einmal vorneweg zum besseren Verständnis: Der Rio de la Plata ist kein Fluss! Die beiden großen Flüsse dieser Gegend sind der Rio Paraná, welcher aus Nordwesten kommt und der Rio Uruguay (Grenzfluss zwischen Argentinien und Uruguay). Der Paraná bildet ein riesiges weitverzweigtes Delta nördlich von Buenos Aires und der Uruguay eine Trichtermündung. Beide Flüsse zusammen bilden den Mündungstrichter „Rio“ de la Plata. Der La Plata ist ein ausgesprochenes Flachwasserrevier, häufig weniger als 1 m tief, durchzogen von diversen, meist gebaggerten Fahrrinnen für die Berufsschifffahrt. Dort konzentriert sich dann auch der meiste Verkehr. Der Tidenhub beträgt im Schnitt nur ca. einen halben Meter, allerdings hat der Wind einen gehörigen Einfluss auf den Wasserstand, welcher bis zu 3m über den Kartenangaben liegen kann. Wasserstandsvorhersagen ala „Das Morgenhochwasser in Hamburg wird 70cm höher als normal ausfallen.“ gibt es hier nicht, nur Meldungen über den Istzustand. Obwohl der Rio de la Plata übersetzt ja Silberfluss bedeutet, hat sein Wasser eine braune, kararamellähnliche Farbe und wirkt auf Grund des Sedimentanteils (durch die riesigen Schlammmassen, welche Paraná und Uruguay mit sich führen) fast etwas cremig, durchaus unwirklich und ein wenig dystopisch, als wäre man auf einem fernen Planeten.
„Jim Knopf
auf dem Karamellmeer“
fiel Götz dazu ein. Schon gewöhnungsbedürftig nach zwei Jahren Blauwassersegeln.
Der Wind hielt, was die Wettervorhersage angekündigt hatte und bis zur Einfahrt in den La Plata kamen wir gut voran. Dann schlief der Wind ein und wir sind die Fahrrinne getuckert, was aber auf Grund des erhöhten Schifffahrtsaufkommens und der zeitweilig recht schmalen Rinne auch geplant war. Normalerweise muss man sich jeweils bei den Radarüberwachungsstationen über Funk anmelden, aber fast niemand in Argentinien spricht Englisch, auch Leute nicht die beruflich Seefunkgeräte auf einer internationalen Seewasserstraße bedienen … Nachdem wir keine Antwort erhielten, ließen wir es mit der Anmeldung bei den folgenden Kontrollpunkten bleiben. Bei Tagesanbruch erreichten wir die Hafeneinfahrt der Stadt La Plata, nachdem wir uns zuvor durch ein riesiges Feld ankernder Frachter und Tanker gewurschtelt hatten. In der sehr langen Zufahrt nach Plata sollte man sehr genau auf dem Tonnenstrich bleiben, da nur die Steinmole an Steuerbord aus dem Wasser ragt. An Backbord gibt es eine alte Spundwand aus Holz und Stahl, welche nur bei Niedrigwasser zu sehen ist. Genau genommen machten wir in Ensenada, dem Hafenort von La Plata, im dortigen Club de Regattas fest. Dort kann man als Gast in guter, alter, argentinischer Tradition für zwei Tage umsonst liegen, und zahlt danach 10 Euro pro Tag. Die drei anzulaufenden Behörden Migracion (Einreise), Aduana (Finanzamt/Zoll) und Prefectura (Küstenwache/Marine/Wasserschutzpolizei) liegen keine 100 m auseinander und nach zwei Stunden war der Papierkrieg erledigt. Obwohl mehrfach vorgewarnt, hatten wir eine ganz besondere, argentinische Form der bürokratischen Folter für Einreisende mit dem eigenen Boot ignoriert. Die Prefectura besteht bei jeder Ein- und Ausreise auf das Ausfüllen der sogenannten Raul – von Hand. Und zwar jeweils in fünffacher Ausführung. Der vorbereitete Segler hat sich natürlich das Dokument schon vor Einreise ausgedruckt, ausgefüllt und kopiert – wir leider nicht. Und so legte uns der Beamte einen Stapel mit zehn Formularen hin und machte uns Platz am Schreibtisch. Die zaghafte Frage, ob wir das Blatt einmal ausfüllen können und er es dann kopiert wurde mit einem lächelnden Nein beantwortet. Unsere Passnummern kannten wir danach aber auswendig. Egal, wir waren nun offiziell in Argentinien eingereist und auch das Boot war offiziell im Land. Inzwischen waren wir im Copyshop und tragen nur noch das aktuelle Datum und den aktuellen Hafen von Hand ein.

Was die Bargeldbeschaffung in Argentinien betrifft, waren wir besser vorbereitet. Am Automaten wird das hier nämlich sehr teuer, wie unsere Freunde Franzi und Peter, die inzwischen in Buenos Aires angekommen waren, feststellen mussten. Wir hatten diesmal auf unseren Freund Eduardo in Brasilien gehört und uns die WesternUnion App aufs Handy geladen. An sich selbst Geld schicken und in einer Filiale vor Ort abholen ist die günstigste Methode. Blöd nur wenn es im Ort keine gibt. Aber ich erinnerte mich zum Glück daran, irgendwo mal gelesen zu haben, dass die chinesischen Inhaber von Supermärkten gerne US-Dollars tauschen und das auch noch zu einem günstigen Kurs. Dollerse hatten wir uns in Uruguay für den Notfall besorgt und so kamen wir erst einmal an Bargeld, da gefühlt fast alle Supermärkte hier von Chinesen betrieben werden.
Am nächsten Tag ging es dann in das eigentliche La Plata – wir waren doch ein wenig überrascht, uns in einer Millionenstadt wieder zu finden. Dort holten wir unsere Pesos bei Western Union ab und bekamen auch endlich eine Sim-Karte fürs Telefon. Zu berichten gibt es nicht viel über Ensenada und La Plata, da wir ja nun schnell weiter nach Buenos Aires wollten. Im Segelclub gab es eine sehr aktive Ruder- und Paddelsektion. Die Segelyachten pflegten im Allgemeinen abzulegen und sich dann hundert Meter weiter an einen der unzähligen Pfähle zu binden welche überall im Wasser standen – kein Kommentar. Wirklich raus auf den Rio de la Plata ist kaum einer gefahren. Als wir uns per UKW-Funk bei der Prefectura abmeldeten fragten die den kompletten Anmeldebogen auf Spanisch ab … wir fuhren dann kurz an ihren Steg und sie machten ein Handyfoto von unserem Formular. Willkommen im Land der grenzenlosen Bürokratie. Nach wenigen Stunden tuckern kam Wind auf und wir konnten bis in den Rio Parana hineinsegeln wo wir dann in einem Nebenarm für die Nacht ankerten.

Am nächsten Morgen ging es Richtung San Fernando, 30 km nördlich von Buenos Aires, durch das weit verzweigte Delta des Rio Parana zum Rio Lujan, der Arm an dem San Fernando liegt. Hier befindet sich ein Segelverein neben dem anderen und wir kamen schließlich im Club San Fernando unter. Es handelt sich beim CSF um einen Verein der Kommune, welcher neben der Segelsektion auch in den Sportarten Fußball, Rugby, Hockey, Tennis, Schwimmen und vielen anderen aktiv ist. Unter anderem gibt es 12 Tennisplätze, 16 Fußball- und Rugbyplätze und, und, und … entsprechend groß ist das Vereinsgelände, welches sich zum Teil auf dem Festland und zum Teil auf einer Insel am anderen Flussufer gegenüber befindet. Im Hafen auf der „Isla“ fanden wir dann nach einer Woche auch unseren längerfristigen Liegeplatz und Fernanda und Adrián, die beiden liebsten und großzügigsten Menschen, aber davon mehr im nächsten Eintrag.



Unser Zuhause im Club San Fernando. Könnte auch irgendwo in Brandenburg sein, wenn man die Flora nicht näher betrachtet. Idyllisch, nur der Weg auf’s Festland ist immer etwas aufwändig. Wir liegen auf der Insel an vier Pfählen ohne Landzugang. Von der Plani geht es erst mit dem Ruderboot zum Steg, von dem uns, halbstündlich, eine kleine Fähre zur Festlandseite des Clubs bringt. Dann noch 500 m über’s Vereinsgelände und endlich sind wir im Ort.
Hinterlasse einen Kommentar