Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

G‘schichten aus Argentinien

Vorneweg: Da wir, wie üblich, getrödelt hatten und zu spät in Buenos Aires ankamen, um noch in der laufenden Saison weiter nach Süden zu fahren haben wir jetzt ordentlich viel Zeit im Gebiet des Rio de la Plata totzuschlagen. Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel sind im Vergleich zu jenen auf der Nordhalbkugel der Erde um sechs Monate versetzt …  In den Argentinien bekommt man nur 90 Tage Aufenthalt und muss dann das Land verlassen; kann aber (im Gegensatz zu Brasilien) quasi sofort wieder einreisen und bekommt dann frische 90 Tage. Und so pendeln wir zwischen Uruguay und San Fernando/Argentinien. Einen Versuch, den Paraná nach Norden hochzufahren und in Paraguay zu überwintern brachen wir wegen des starken Gegenstroms auf dem Fluss ab. Die Überwinterung im Warmen war uns die 1300 Liter Diesel nicht wert. Zur Zeit sind wir in Nueva Palmira, einem verschlafenen Kleinstädtchen im Westen Uruguays am Rio Uruguay. Vielleicht der richtige Moment, um das bisher in Argentinien Erlebte und Kennengelernte Revue passieren zu lassen…

Zuerst einmal der Hinweis, dass Argentinien als Land, Kultur und politisches System für uns Mitteleuropäer nur schwer zu greifen und zu begreifen ist. Manche der hier zu erzählenden Geschichten mögen aberwitzig klingen, sind aber aus Sicht der Argentinier nichts Außergewöhnliches . Das Land ist etwa sechs mal so groß wie Deutschland, hat aber nur die Hälfte der Bevölkerung, von der auch noch die Hälfte im Großraum Buenos Aires lebt. Die Brasilianer bezeichnen die Argentinier gern als „Engländer“ – snobistisch, stolz, halten sich für etwas Besseres. Uns gegenüber waren alle, die wir kennenlernen durften, extrem freundlich und hilfsbereit … In der Tat hat Argentinien schon bessere Zeiten erlebt und war bis in die fünfziger Jahre hinein eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Die Architektur, speziell Jugendstil und Art Deco in Buenos Aires gibt ein lebendiges Zeugnis hiervon. Die indigene Kultur allerdings wurde fast komplett ausgerottet bzw. vergessen, wenngleich laut neueren Studien weit über die Hälfte der Bevölkerung auch indigene Gene aufweist. 

Ganz im Norden, in der Provinz Missiones, ragt Argentinien bis in die Tropen hinein, der tiefe Süden mit Feuerland und Kap Hoorn ist schon subantarktisch, die Hauptstadtregion wiederum subtropisch.

Die politische Landschaft ist für uns besonders schwer zu begreifen. Nach vielen Jahren der Militärdiktatur übernahmen seit Mitte der Achtziger die Peronisten meist die Führung des Landes. Wie schon der Name sagt, geht die Partei auf Juan Peron zurück, selbst ein ehemaliger Militär, welcher zwischenzeitlich vom Militär weggeputscht wurde um dann als neuer Präsident zurückzukommen und nach seinem Tod von seiner legendären Frau Evita Peron im Amt beerbt zu werden. Peron selbst war zeitlebens ein großer Bewunderer von Mussolini und General Franco! Durch Zusammenschluss mit Gewerkschaften und Arbeiterbewegung entstanden die heutigen Peronisten. Im Übrigen wurde auch der peronistische Präsident Nestor Kirchner von seiner Frau Christina im Amt beerbt. Man stelle sich eine extrem populistische, durch und durch korrupte, aus der NSDAP und den Gewerkschaften hervorgegangene SPD mit starkem Drang zum Personenkult vor … wahrlich nicht leicht, ohne sich die Gehirnwindungen zu verdrehen. Aktuell regiert Javier Milei das Land, ein neoliberaler, faschistischer Typ mit Saubermannimage auf der einen Seite und Rockeroptik samt Wahlkampfauftritten mit Kettensäge andererseits. Beste Freunde: Donald Trump und Georgia Meloni.

Allerdings hat Milei keine Mehrheit in den beiden Parlamentskammern und die Provinzfürsten haben eine außerordentliche Macht, weit mehr als in Deutschland die Ministerpräsidenten der Bundesländer, was zur Folge hat, dass einer den anderen boykottiert und blockiert und von Provinz zu Provinz völlig andere Gesetzte, Regelungen und Steuern gelten. Daraus und aus der Geschichte des Landes ergeben sich viele der folgenden Geschichten, welche wir euch nur erzählen können, weil wir Adrian und Fernanda kennengelernt haben. Deswegen möchten wir Euch die Beiden hier erst einmal vorstellen. 

Adrian ist 59 und wirkt auf den ersten Blick wie ein alternder Schlagersänger. Er stammt aus einer segelbegeisterten Familie und ist quasi auf dem Boot aufgewachsen. Er war früher zweimal mit einem Segelboot in Feuerland und ist in der Jugend auch viel Regatta gesegelt. Vor über zwanzig Jahren hat er sich sein aktuelles Stahlsegelboot (30“/9m) aus Schrottteilen abgewrackter Frachter selbst zusammengeschweißt. Die Stahlplatten dafür – 3mm – hat er mit einer umgebauten Klopapierwickelmaschine vorgebogen …  Fernanda, seine Frau, ist eigentlich Köchin und ein herzensguter Mensch und sie spricht, im Gegensatz zu Adrian, ein ganz kleines bisschen  Englisch. Für Argentinien und auch für den Club San Fernando (CSF), wo wir untergekommen sind, sehr ungewöhnlich, wohnen die beiden, mit ihren zwei Katzen Mango und Inti, auf ihrem Segelboot. 

Sie mögen die feinen Leute mit den schicken Booten nicht und kompensieren die traurige Tatsache, dass sie nie genug Geld zusammenbekommen werden um loszusegeln, damit, dass sie sich an die wenigen ausländischen Segler halten, welche auf Langfahrt hier vorbeikommen. Unsere türkischen Freunde Deniz und Banu aus Uruguay hatten uns von den beiden erzählt und uns schon angekündigt. Adrian findet für alle technischen und organisatorischen Probleme, welche uns hier über den Weg laufen, eine Lösung. Er kennt jeden Handwerker und jeden Ladenbesitzer und wenn es grundsätzlich möglich ist etwas zu beschaffen, beschafft er es. Unser 47 Jahre alter Mercedes Motor ist Dank ihm zu einer Überholung des kompletten Kühlsystems gekommen. Die beiden haben uns quasi adoptiert und wir kochen gegenseitig füreinander und helfen uns wo es geht. Sie leben von den Einnahmen von Adrian als Boots- und Bootsmotorenmechaniker.

Früher, so die erste von mehreren Geschichten, welche ich hier zum besten geben möchte, also vor Milei, gab es viel Korruption im Land, im Großen wie im Kleinen. Dieses Schwarzgeld musste ausgegeben werden; umtauschen in Dollar war nicht möglich und auf die Bank bringen machte wegen der Hyperinflation auch keinen Sinn. Also kaufte jeder, der es sich leisten konnte, von der Schwarzkohle ein Boot. Boote durften damals entweder nicht importiert werden oder es gab 100% Einfuhrzoll auf den Neu(!)preis. Gebrauchtboote waren also sehr preisstabil und eine sinnvolle Geldanlage. Entsprechend ließ man sie professionell von Leuten wie Adrian warten. Da auch Bootsmotoren den Einfuhrbeschränkungen (die heimische Industrie sollte geschützt und gefördert werden – allein sie existierte gar nicht …) unterlagen, hatte Adrian gut damit zu tun, die alten Kisten am laufen zu halten und konnte gut davon leben. Das Geld der Mafiabosse wurde inzwischen legalisiert und – mittlererweile kann man Pesos wieder in US-$ tauschen – längst auf die Kaimaninseln transferiert. Die kleine Korruption im Alltag ist jetzt stark beschränkt, keiner hat mehr Geld, sein Boot reparieren zu lassen und die Zahlungsmoral ist im Eimer. Der Staat hat die Banknotenpresse eingemottet und die großen Staatsbetriebe verkauft, die Arbeitslosenzahlen gehen hoch und die Arbeit für Adrian wird immer weniger. Adrians Fazit: Ohne Korruption funktioniert Argentinien nicht! Er hofft, dass Christina Kirchner von den Perronisten, Vorgängerin von Milei als President und zur Zeit in Hausarrest, die nächste Wahl gewinnt und alles so wie früher wird …  mit Korruption, viel Schwarzgeld im Umlauf und viel gut bezahlter Arbeit.

Nächste Geschichte: Wiederum um die einheimische, fast nicht mehr existente Automobilindustrie zu fördern, war es Jahrzehnte lang verboten, Autos zu importieren. Dann, in den späten Achtzigern, wurde das Verbot eine zeitlang gelockert und viele Autos wurden importiert. Allerdings war es verboten, Ersatzteile zu importieren…  Aus dieser Zeit stammt Adrians Renault11. Irgendwann wurde mal der kaputte Tank ausgebaut, es war aber unmöglich einen neuen zu beschaffen. So fährt Adrian mit einem Außenbordertank im Kofferraum rum. Natürlich bekommt er für die Karre weder TÜF noch Papiere, aber das ist kein Problem: Die normale Verkehrspolizei, von Adrian gern als Policia Economica – die günstige Polizei bezeichnet –, ist mit umgerechnet 5–10 Euro zufrieden, wenn man ohne Papiere und TÜF angehalten wird. Ein neues Auto kostet in Argentinien z.Z. etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Auch bei Anmeldung eines Gebrauchtwagens orientieren sich die horrenden Steuern an den Neupreisen. Wenn ein Auto richtig alt ist, aus den Zeiten, wo ein Auto noch wenige Tausend kostete, heißt es „Classico“, also Oldtimer und der zu versteuernde Wert wird entsprechend willkürlich hochgesetzt. Deswegen ist Argentinien und im übrigen auch Uruguay (100% Einfuhrzoll auf alles) ein wahres Automobilmuseum.

Noch eine Geschichte gefällig? Als Adrian sein Boot selbst baute durfte man nur Holz- oder Stahlboote mit maximal 9m Länge selbst bauen. Größer war verboten und GFK-Bauten, also Kunststoffrümpfe waren ausschließlich Werften vorbehalten, wollte er einen alten Volvo Penta Einbaudiesel einbauen. Den hatte hatte ihm ein französischer Segler geschenkt, welcher nach zwei Weltumsegelungen eine neue Maschine einbauen wollte. Nur leider bekam er den Motoreinbau nicht zugelassen, da nur maximal 20 PS Einbaumaschinen in Eigenbau Segelbooten erlaubt sind und der besagte Volvo Penta 25 PS hat, womit ein 12 Tonnenboot immer noch untermotorisiert wäre.

 Nach sechs Jahren hat Adrian den Versuch aufgegeben, den Motor zu legalisieren. Er hat einen 15 PS Außenborder am Heck zu hängen, welcher nicht genehmigungspflichtig ist. Der Außenborder ist seit Ewigkeiten nicht gelaufen und der Einbaudiesel ist offiziell bei Nachfrage ein Stromgenerator, dabei hat er noch nicht einmal einmal eine Lichtmaschine (eine passende ist einfach nicht zu bekommen). Vor ein paar Wochen sind wir zusammen mit zwei Booten nach Uruguay gefahren. Adrian und Fernanda mussten zwei Tage vorher in San Fernando online ausklarieren und bei der Grenzstation Guazu Guazuzito nur kurz anhalten um die Online Ausklarierungspapiere vorzulegen. Adrian fuhr mit laufendem Einbaudiesel, Außenborder hochgeklappt, Segel unten an den Steg der Prefectura in Guazuzito. Die Prefectura studierte seine Bootspapiere und fragte sich nicht, wie ein Boot das keine Einbaumaschine hat mit hochgeklapptem Außenborder fahren kann.. Allerdings zerrissen sie seine Ausklarierungspapiere – sie haben kein Internet und noch nicht einmal Strom, da der Diesel für das Stromaggregat alle ist. Das Papier müsse noch einmal neu von Hand ausgefüllt werden. 

Lustig und nervig zugleich ist übrigens, dass jedes mal dass wir aus- oder einreisen der Zoll (Aduana) und die Küstenwache (Prefectura) an Bord kommen und die Sicherheitsausrüstung zu überprüfen. Das wichtigste sind die Feuerlöscher und speziell die TÜF Plakette darauf. „Waaaas? Ihr habt nuuuur dreiiii Feuerlöscher an Bord?“. Einmal haben sie sogar einen Lehrfilm zum Thema Sicherheitscheck für die Auszubildenden bei uns an Bord gedreht. Und dann muss natürlich noch der Drogenschnüffelhund an Bord, ein etwas ängstlicher ganz lieber Labradormix. Dieser ist „einfach zu fett“ wie die Dame von Aduana neulich genervt bemerkte, weswegen es immer eine Aktion ist, das arme Tier über die Reling zu heben. Den Hund teilen sich Zoll und Küstenwache übrigens – wenn die beiden Behörden bei uns getrennt erscheinen, muss der Hund zweimal an Bord und natürlich auch wieder runter. Das arme Tier ist immer heilfroh, wenn es wieder im Schlauchboot der Prefectura sitzt.

Noch nicht genug gelacht? Unser Freund Marcello erzählte uns folgende lustige Geschichte: Er hatte früher einen kleinen Segelkatamaran mit aufblasbaren Rümpfen und war einmal mit seiner neuen Freundin unterwegs, als ihn die Prefectura zwecks Überprüfung der Sicherheitsausrüstung anhielt und sein Beil sehen wollte! So ein Beil macht Sinn auf seegehenden Yachten um nach einer Kollision die Innenverkleidung wegzuhacken um ein Leck flicken zu können, aber auf einem Schlauchboot..? Eher gefährlich.. !  Marcello meinte dann charmant, die Freundin sei ganz frisch mit ihm zusammen und hätte bestimmt Angst bekommen, wenn er ein Beil an Bord gehabt hätte..

Und noch einen: Unsere Freund Peter und Franzi waren Anfang des Jahres für zwei Monate wegen ihrer Liebe zum Tangotanzen in Buenos Aires und vergaßen ihre letzten 150 000 Pesos auszugeben. Nun kann man die in Deutschland nicht umtauschen, selbst in Uruguay bekommt man nur ein drittel des Wertes. Also kam Peter auf die Idee, uns das Geld als Päckchen zu schicken. Adressiert an die Schwester von Fernanda, kam es auch tatsächlich drei Wochen später in Buenos Aires an. Von März bis August! lag es dann beim berüchtigten Zollamt der Stadt – inzwischen ist es auf dem Weg zurück nach Deutschland …

Aktuell flicke ich mal wieder die Membran unserer Klopumpe. Eine neue könnte ich für aktuell 54€ in Deutschland bestellen, aber ob die hier jemals ankommen würde? Wie sagte Marcello neulich: Die Argentinier finden für jede Lösung ein Problem!

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