Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Aufbruch in den Süden

vom Rio de la Plata bis Puerto Deseado

Nach über einer Woche Warterei auf den halbwegs passenden Wind in La Plata, sollte es endlich Richtung Süden losgehen. Erst einmal stand uns die riesige Trichtermündung des Rio de la Plata bevor. Sie ist so lang, dass man es nicht zwischen Sonnenauf- und -untergang heraus schafft. Unzählige Tonnen – manche davon beleuchtet, andere nicht, manche vorhanden, andere nicht – sowie unzählige rein- und rausfahrende und auf Reede liegende Schiffe. Hinzu kommt, dass der La Plata bei Südostwind eine eklig steile, kurze Hackwelle aufbaut, welche wir in der Nacht zur Genüge genießen durften, als der Wind von den angesagten 10 kn auf nicht angesagte 35 kn anstieg, natürlich aus Südost. Anne war dann eher nur bedingt einsatzfähig …

Als wir dann San Clemente, einen Ankerplatz, welcher seinen Schutz von ihn umgebenden Sandbänken bezieht, erreichten, blieben wir erst einmal zwei Nächte dort bis der Wind gedreht und etwas abgeflaut hatte. Die Weiterfahrt nach Necochea/Quequén, genau genommen zum dortigen Club de Navigación Vito Dumas, von welchem wir schon viel Gutes gehört und gelesen hatten, gestaltete sich unspektakulär – Flautentuckern. Überhaupt scheint es hier nur Flaute und Starkwind/Sturm zu geben. Wind zwischen 10 und 25 Knoten – Fehlanzeige. Wenn in Deutschland kaum noch einer bei über 20 kn Wind rausfährt, gewöhnt man sich hier schnell an über 30 kn.  Als wir Hafen und Prefectura anfunkten, meldete sich mal wieder nur der Hafen; allerdings antwortete die Dame sogar in mäßig verständlichem English, nicht unbedingt normal in kleineren argentinischen Häfen.

Weil’s immer wieder schön ist … ein Delfinvideo

Im Club Vito Dumas hängten wir uns an die extra vorhandene Mooringstonne für Gäste und legten achtern unseren Zweitanker an einer Leine aus, um nicht ungewollt in den Fluss und damit in die Fahrrinne zu schwenken. In einer der Nächte muss eins der stets extrem schnell und dicht an uns vorbei rasenden Schlauchboote der Hochseeangler mal die andere Seite gewählt haben und unser Ankertau weitestgehend durchgehauen haben – die beiden Enden habe ich am nächsten Tag fluchend wieder zusammengespleißt. Der Club Vito Dumas ist wahrscheinlich der beste Ort für ausländische Segler in Argentinien. Alle heißen uns herzlich willkommen, sind sehr offen und total lieb mit Tips, Fahrservice zur Tankstelle, Prefectura kontaktieren. Die Männer von der Prefectura kamen dann sogar zum Club, sodass wir uns den Weg zum Büro gespart haben. Eine Einladung zum Abendessen gab es obendrauf. Falls ihr euch jetzt fragt, wer Vito Dumas war: Der berühmteste argentinische Segler. Er ist in den Vierzigern Einhand um die Welt gesegelt und hat als erster Einhandsegler auf einer Reise alle drei großen Kaps umsegelt. Obendrein schien er ein alternativer Querkopf zu sein, welcher mit den damals regierenden Militärs nicht viel am Hut hatte. Insofern ist der Name auch Programm im Club. Die Mitgliedsbeiträge sind für argentinische Verhältnisse seeehr niedrig, an vielen Booten wird gebaut und gebastelt, fast alle sprechen ein bisschen Englisch, sind interessiert und bieten Hilfe an. Drei nette, liebe Hunde gehören ebenso zum Club, Tito der „Chef“ von ihnen hat ein Fell wie ein Schaf und alle sagen: Tito will nach Ushuaia, dem ist es hier zu warm. Vielen Dank nochmal an Andrés, den Segellehrer und Um-die-Gäste-Kümmerer für die nette Betreuung. Im Club lernten wir auch Pedro kennen, welcher mit seinen 76 Jahren locker als 20 Jahre jünger durchgeht und an seiner alten 5m Jolle bastelt. Wenn sie segelklar ist möchte er mit ihr eine Weile segeln und dann will er wieder nach Brasilien gehen und lernen, wie man traditionelle Holzboote baut. Neben seiner extrem schmalen Rente stellt er Schmuck her und strahlt unglaublichen Optimismus und Lebensfreude aus.

Beim obligatorischen Sicherheitcheck der Prefectura an Bord, war Götz offenbar so charmant, dass ihm einer der Jungs sein Klettabzeichen geschenkt hat – vielleicht lag’s auch am Kaffee, auf dem französischen Boot gab’s nämlich nur einen ganz kleinen :-).

Nach entspannten 5 Nächten im Club Vito Dumas geht es weiter nach Süden. Der kleine Fischerhafen in Camarones ist das Ziel, knapp 500 sm entfernt. Der Wind ist wie gehabt, Flautentuckern bei 4–6kn aus wechselnden Richtungen oder Starkwind. In den 5 Tagen kommen wir auf jämmerliche 18 Stunden Segeln, zwei unter Leichtwindgenua, 16 unter Sturmfock. Camarones ist ein Ort zum Vergessen! Der Hafen, gar nicht so alt, ist an der Kaimauer mit Abschnitten von Pipelines(?) behangen, welche als Fender dienen und die Wasserfahrzeuge schützen sollen. Sie sind aber selbst für einen 30m Fischtrawler überdimensioniert, und größere Schiffe passen gar nicht in den Hafen rein. Dazu kommt, dass viele der Stahlseile mit denen die „Fender“ aufgehängt sind inzwischen gebrochen sind und ein ungutes Gefühl verbreiten. Der Ort selbst, typisch nordpatagonisch, ist chronisch windgepeitscht, staubig, wenig Grün – so stellt man sich den perfekten Standort für ein Straflager vor. Aber: Es gibt eine Tankstelle, ein paar kleine Läden, zwei Bäcker, Trinkwasser und: natürlich auch eine Prefectura! Die haben ein Schlauchboot mit altersschwachem Außenborder in der Garage zu stehen; dieses dauerhaft im Hafen anzubinden, trauen sie sich nicht.  Bei der Abreise wollen sie natürlich an Bord kommen und die Sicherheitsausrüstung kontrollieren. Dafür muss ich mit unserem Schlauchboot den Shuttleservice übernehmen, denn die Leitern an der Kaimauer zu benutzen, trauen sie sich genauso wenig wie wir – die Stahlleitern sind halb zerfallen und hängen an einer einzigen altersschwachen Fischerleine, an der sie quietschend an der Betonwand im Wind hin- und herschwingen. Da die Jungs von der Prefectura extrem akribisch und pissig alles an Bord inspizieren, kann ich natürlich genauso „zuvorkommend“ sein und weise darauf hin, dass ich nur einen der Beiden mit dem Schlauchboot mitnehme, da dieses nur für zwei Personen zugelassen ist. So trifft das Los dann einen, der auf den 30m Fahrt von der Treppe zur Plani bei 10cm Welle im Hafen seekrank wird. 

Bei der Prefectura in Camarones mussten wir auch eine Erklärung unterschreiben, dass wir auf gar keinen Fall auf die Fallkl… äh Malvinas fahren. Ist natürlich Quatsch – wir wollen zwar sowieso nicht hin, aber können könnten wir schon …

Entspannte sechs Stunden später laufen wir in die atemberaubend schöne und super geschützte Caleta (kleine Bucht) Hornos ein und machen die Plani mit zwei Ankern und zwei doppelten Landleinen sturmklar fest. Die nächsten Tage sollte nämlich ein riesiges Sturmtief über uns hinwegziehen. Und aus heutiger Sicht war die Entscheidung goldrichtig. Es geht zwar hin und wieder ein Zittern durchs Boot, wenn die 40+ Böen durchs Rigg pfeifen, aber allein der Gedanke an die Monsterfender in Camarones reicht schon, die Entscheidung nicht zu bereuen. Die Fotos von der Caleta sagen mehr, als ich hier beschreiben könnte. Hin und wieder kommt ein neugieriger Magellanpinguin in die Bucht geschwommen und wirft einen interessierten Blick zu uns herüber. Bei unserem ersten Ausflug mit dem Schlauchboot verfolgte uns eine neugierige Robbe. Magellantaucher-Pärchen gibt es ebenfalls einige in der Caleta. Auf den Felsen am Ufer tauchen manchmal Guanacos auf, um zu checken was da unten in der Bucht los ist. Die Pflanzenwelt rund um die Caleta ist eher spartanisch aber deswegen nicht uninteressant. Hier herrschen dorniges Gestrüpp, trockenes Gras und vereinzelte Kakteen vor. Alles über zwei Meter Höhe erscheint uns schon als riesig. Aber es blüht auch manches. Unsere Angelversuche sind allerdings nicht von Erfolg gekrönt.

An einem windstillen Abend konnten wir sogar unsere mitgebrachten Chorizos grillen.

Nach gut einer Woche Stille und Wildnis ging es dann weiter nach Puerto Deseado. Unsere Ferienwohnung für eine Nacht, hatte dann leider doch nicht den versprochenen Wäschetrockner und die Badewanne, auf die Götz sich so gefreut hatte, hatte keinen Stöpsel … trotzdem sind sowohl Wäsche als auch Crew wieder rein und duftend 🙂 Hier unten müssen wir jedes sich bietende Wetterfenster nutzen, also geht es morgen (27.12.) schon weiter. Mal gucken wo wir zum Jahreswechsel sind – auf jeden Fall in Feuerland.
Euch allen einen guten Rutsch!

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