Isla de los Estados

Südlich von Puerto Deseado gibt es keinen Hafen oder Ankerplatz, den man gerne anlaufen würde bis zur Südostspitze der großen Insel Feuerland. Wir reden hier von ausschließlich schlecht und nicht aktuell kartierten Flussmündungen mit 8kn Gezeitenstrom, wandernden Sandbänken ohne jeglichen Schutz und Infrastruktur, wenn man denn überhaupt im guten reinkommt … Unser Plan war demzufolge, die gut 500 Seemeilen in einem Rutsch zu machen, was grundsätzlich kein Problem ist. Nur leider pfeifen hier in Südpatagonien die Sturmtiefs eins nach dem anderen durch. Auf guten Segelwind aus einer passenden Richtung braucht man gleich gar nicht zu warten, besonders im Frühsommer nicht, wenn man runterfährt um den kurzen südlichen Sommer im Feuerlandarchipel zu verbringen. In Westeuropa haben die Tiefdruckgebiete ca. drei Tage Zeit, um auf ihrem Weg von der kanadischen Ostküste aus Kraft zu sammeln bis sie über Schottland das erste Mal Energie einbüßen und dann nach einem kurzen Stück Nordsee bereits wieder auf Land treffen und aufrauchen. So ein Sturmtief in Deutschland braucht gewöhnlich 12–24h bis es durchgezogen ist oder sich aufgelöst hat. Hier unten ziehen die Tiefs völlig ungebremst um drei Viertel des Globus bevor sie auf die südamerikanische Westküste treffen, genau genommen auf die mehrere tausend Meter hohen Anden/Kordilleren. An der chilenischen Westküste regnen sich die Warmfronten ab und nur die Kaltfronten schaffen es über die Berge, von wo sie als Fallwinde herunterpfeifen und dann völlig ungehindert über die flache patagonische Steppe nach Osten zum Atlantik ziehen. Dort werden sie dann gerne vom hohen Luftdruck des stationären Hochs im Südatlantik aufgehalten.
Unser Wetterfenster bestand aus ca. 4 Tagen Flaute bzw. Schwachwind (unter 20kn!) gegenan. Das bedeutete dann wieder tuckern und zwar zügig, damit das im Anschluss erwartete Tief möglichst hinter uns durchzieht. Am Ende bekamen wir dann noch 15–20h vom Tief an der Ostküste der Feuerlandinsel (Isla Grande de Tierra del Fuego) mit bevor wir uns am Silvesternachmittag in die Caleta Falsa verdrücken konnten um einen Sturm vor Anker abzuwettern. Die Bucht war allerdings alles Andere als ein Traum von Ankerplatz. Der Hauptanker rutschte mehrmals … aber der ebenfalls ausgebrachte Zweitanker hielt. So rutschten wir dann wenig entspannt in’s Neue Jahr.
Nach zwei eher schlaflosen Nächten fuhren wir dann abends weiter Richtung Isla de los Estados, einem meiner (Götz) ganz persönlichen Ziele. Die Staateninsel, so benannt von Kapitän Shouten vor über 400 Jahren nach den damals noch jungen Vereinigten Staaten der Niederlande. Dieselbe Expedition benannte im Übrigen auch das berühmte Kap im Süden nach dem niederländischen Dorf Hoorn, dem Heimatort eines Teils der Mannschaft. Nach einigen Versuchen der Besiedlung ist die Insel heute unbewohnt, mit Ausnahme eines kleinen Stützpunktes der argentinischen Prefectura. Um nach Isla de Los Estados zu kommen, muss man die legendäre Le Maire Straße überqueren, einen Hort von Wasserturbulenzen, starken Tidenströmen und äußerst unangenehmem Wellenbild bei Wind oder Tide gegen Strom.
Morgens kam dann bei diesigem Wetter und knapp drei Knoten Gegenstrom die erste Ahnung von dunklen Bergen aus dem Wolkenverhangenen Himmel auf; da waren wir bereits bis auf gut eine Meile an die ersten Ausläufer der Insel ran. Eine Stunde später waren wir in die äußere Bucht von Puerto Hoppner eingelaufen und waren erst einmal nur baff ob der unglaublichen und rauen Schönheit der Natur. Steile Felswände, unten mit arktischen Scheinbuchen bewachsen, von den Ästen hängende Flechten und Mengen von Kelp auf dem Wasser. Dazu eine frostige, feuchte Luft und oben in den Bergspitzen hängende Wolken.

Neugierige Robbe beim Aufholen des Ankers. Das ist immer ein gutes Muskeltraining für Götz, weil unsere elektrische Ankerwinsch seit Buenos Aires kaputt ist …
Nach einer Stunde warten auf Hochwasser ging es dann weiter durch die äußerst enge Durchfahrt zwischen einer Felswand der Hauptinsel und einem aus dem Wasser ragenden Felsen auf der anderen Seite. Die Durchfahrt ist so schmal, dass sich viele nicht durchtrauen und sollte auch nur bei stehender Tide in Angriff genommen werden. Das ist so als fährt man durch eine 8–10m breite Durchfahrt in einen Hafen, während man ständig damit rechnen muss, dass Fallböen mit 40–50kn von der Seite einfallen.
Der bevorzugte und geschützteste Liegeplatz befindet sich zwischen Hauptinsel und einem kleinen Inselchen mit Landleinen zu beiden Seiten. Hier ist man von allen Seiten vom Wind geschützt. Dieser Schutz schließt allerdings die Fallböen – Williwaws genannt – nicht mit ein; die können überall mit den üblichen 40–50kn und angeblich vereinzelt mit bis zu hundert Knoten von allen Richtungen einfallen wo Berge sind und wir lagen hier in einem Fjord mit knapp 800 m hohen Bergen ringsherum. Bei Morgentemperaturen zwischen 4 und 8°C und auch häufig einstelligen Höchsttemperaturen kam dann unser kleiner Holzofen verstärkt zum Einsatz und brachte die Kajüte auf angenehme 20 Grad. Die Landschaft war so grandios, dass man einfach nur im Cockpit sitzen und das alles auf sich einwirken lassen konnte. Aber wir unternahmen auch mehrere Wanderausflüge. Der erste führte uns zu einem See, welcher vielleicht 100 m über dem Meeresspiegel lag und von einem Wasserfall aus einem höher gelegenen See gespeist wurde. Die Scheinbuchen (Nothofagus betuloides) mit ihren kleinen ledrigen Blättern beherrschen die ersten zweihundert Höhenmeter der Insel. Wo sie dem Wind sehr stark ausgesetzt sind, werden sie nur 1–3m hoch, in geschützten Hanglagen und engen Tälern aber durchaus auch bis zu 20 m. Die Landschaft war hier relativ offen mit wenigen niedrigen Scheinbuchen, Gräsern und kleinen Sträuchern. Trotz allem war es eher mehr ein durchkämpfen als wandern. Kurze Stücken Pfad, von Hirschen und verwilderten Ziegen erzeugt, enden meist nach wenigen Metern wieder. Unser zweiter Ausflug war hin und zurück 600 m(!) lang und dauerte 2h!! Es war der pure Kampf durch Gebüsch und 3–4m hohe Scheinbuchen über vereinzelte Baumstämme, durch Sumpf und von den Bäumen hängende Flechten und das alles im strömenden Regen, aber er führte uns ungeplant und total überraschend zu einem wunderschönen Wasserfall wie aus einem Märchen.
Nach einer Woche im Märchenland Estados ging es dann weiter in den Beagle-Kanal nach Ushuaia.


Gut geschützt trotz teilweise heftiger Williwaws.





















Märchenhafter Wasserfall. Eine Stunde im strömenden Regen für ganze 300 m 🙂 … Auf dem dicken Moos läuft man übrigens die ganze Zeit wie über Matratzen
Inzwischen sind wir in Chile eingereist und auf dem Weg zu den Gletschern. Seit gut zwei Tagen warten wir mal wieder, dass sich der Wind etwas beruhigt und wir weiterfahren können. Für morgen sieht’s gut aus – aber das ist dann die nächste Geschichte.
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