Alte Stahlyacht auf neuer Fahrt mit Götz und Anne

Pints, Pickels and Pilcher

Die Südenglische Küste von Ost nach West

Asche auf unser Haupt – wir waren sehr schlecht mit neuen Blogeinträgen in letzter Zeit. 

Nach Stellendamm in den Niederlanden ging es nach Oostende in Belgien, wo wir gegen Mitternacht ankamen; in Belgien scheint im übrigen das Budget für befeuerte Tonnen sehr eng zu sein, obwohl es gerade mal drei oder vier Häfen gibt. Es war eine aufregende Herumtasterei im Dunkeln, bis wir die Zufahrt zu dem gesuchten Hafenbecken gefunden hatten. Bei der Einfahrt in den Außenhafen kam uns ein Schwall warmer, fast subtropischer Luft entgegen, während es draußen trotz eingeschlafenem Wind zu so später Stunde schon merklich frisch geworden war. Es fühlte sich ein bisschen so an, wie im Süden aus dem Flieger zu steigen, während in Deutschland Schnee liegt.

Hoch lebe der Datenschutz – der Königlich-Belgische-Yachtclub hatte die alte Planitzer noch in ihren Akten – sowas nennt man hierzulande Vorratsdatenspeicherung – allerdings war sie 11m lang und ein Katamaran. Bei den 11m haben wir nicht widersprochen – desto kürzer desto billiger. Aber Katamaran, nein, da zahlt man wegen der großen Breite 50% Aufschlag.  Oostende hat uns sehr gefallen, speziell der etwas morbide Charme – siehe die Fotos.

Bis auf den frühen Nachmittag gab es direkt an uns vorbei einen endlosen Strom von Menschen mit Strandutensilien zum Stadtstrand – als sich der große Regen ankündigte dann umso mehr in der Gegenrichtung. Wir hatten dann allerdings Glück und erreichten das Boot – und unsere zum Lüften rausgehängten Bettdecken und Matratze – mit den ersten Regentropfen.

Weiter ging es nach Dünkirchen, über das es nicht so viel zu berichten gibt außer einem Fahrradausflug zum Großeinkauf im Supermarché.

Zu nachtschlafender Zeit sind wir dann in Dünkirchen Richtung Dover ausgelaufen, wo wir am frühen Nachmittag ankamen (die Tide bestimmte mal wieder die Reisezeit …). In Dover herrschte dann fast südliches Flair; ausgepflanzte Olivenbäume beherrschen das Straßenbild, Palmen in den Vorgärten und dann natürlich die alles beherrschenden „White Cliffs of Dover“, die Kalksteinklippen.

Wir hatten uns bei der Einreisebehörde online angemeldet, die entsprechende Exceltabelle (echt stümperhaft mit diversen sich z.T. wiedersprechenden Formularen) an die falsche Behörde geschickt (Süd statt Südost). Als sich bis 21h immer noch niemand mit der Clearance (=„Hallo ihr seid jetzt offiziell eingereist und dürft euch frei bewegen.“) bei uns gemeldet hatte, habe ich den Beamten dann telefonisch erreicht und um 22h05 waren wir dann offiziell in GB eingereist und konnten unsere gelbe Einklarierungsflagge (=Alles gesund an Bord, wir möchten einreisen.) runterholen. Da hatten wir den ersten Stadtrundgang – illegalerweise – bereits hinter uns.

Von Dover ging es nach Brighton, eine Retortenmarina für 50 Pfund die Nacht. Wir waren über Nacht gesegelt, morgens früh bei Niedrigwasser angekommen und dann erstmal in der Hafeneinfahrt stecken geblieben. Selbige neigt ständig zum versanden und gebaggert wird eher sparsam, da das ja die Gewinne schmälern würde. Die gesamte englische Marine-Infrastruktur ist eher fragwürdig und komplett überteuert. Wo bei uns die Kommune den Hafen betreibt und 15–20€ pro Nacht nimmt, sind die Häfen in England tendenziell in privater Hand und sollen maximalen Gewinn abwerfen.

So mussten wir noch ein paar Stunden vor dem Strand ankern bevor wird wir reinkamen.

Zum einen um Geld zu sparen und zum anderen wegen der netteren Szenerie hieß unser nächstes Ziel dann Chichester Harbour. Hier muss man erklären dass Harbour nicht einfach Hafen bedeutet, sondern in diesem Fall das gesamte Flussdelta mit diversen Marinas, Mooringstonnen und der Option zu ankern, wofür wir uns entschieden. Aber selbst für’s Ankern werden noch gerne 15 oder 20 Pfund kassiert – im Rest der Welt unvorstellbar –  wir hatten aber Glück, keiner kam zum abkassieren vorbei. An Land gehen bringt kaum was – alles Privatland bis auf den Strand unterhalb der Hochwasserlinie …

Der nächste Hafen war dann Portsmouth. Die 50 Pfund Marinas wollten wir meiden und legten im Fischerhafen (eng, runtergekommen aber gemütlich) an einer versifften Kaimauer aus Queen Victorias Zeiten an – dafür verlangte die Stadt 23,65 Pfund :).

Wir waren extra nach Portsmouth gefahren, da unsere Bremer Freunde Claudia und Jonathan erzählt hatten, dass es dort einen Boatbreaker  (Bootsabwracker/-resteverwerter) gibt und man dort ein paar Schnäppchen machen kann. Leider waren die gerade am Ende ihres Ausverkaufs wegen Renovierung. Immerhin haben wir jetzt einen zweiten großen, roten Kugelfender, ganz nützlich für eher rustikale (und damit preiswertere) Liegeplätze.

Dann ging es MIT der Tide durch den Solent und den Nebels Chanel, die Wasserstraße zwischen der Isle of Wight und dem Festland. MIT, weil wir nämlich bei schwachem Wind unter Maschine im Standgas fast 8knt liefen. 

Man beachte das große große Tortenstück das bald aus den Kalkfelsen herausbricht. Die Needles, die bekannten Kalkfelsen, befinden sich übrigens in einem ständigen Verfall durch Erosion.

Abends haben wir dann in Poole Harbour geankert, sowas ähnliches wie Chichester Harbour. Erwähnenswert sind, wenn überhaupt, nur die endlosen Schilder am Ufer: Private Ground – keep off.

Dann war der Wind tagelang unser Feind: Südwest, Südwest, Südwest  mit einer unangenehmen kurzen Hackwelle aus West. Ein einziges Festgestampfe. Deswegen teilte sich die Endstrecke nach Falmouth in immer neue Teilstrecken. Nächster Stop war Weymouth, wo vor einigen Jahren, während der Olympischen Spiele in London, die Segelwettbewerbe stattfanden. Ein nettes kleines Städtchen, aber unmögliche Bedingungen zum Fahrradfahren.

Dann segelten wir bei immer dichter werdendem Nebel und Sonnenschein weiter nach Salcombe. Eine fast mystische Erfahrung. Wir ankerten dort in einer wunderschönen Landschaft mit verrückten Engländern welche das Baden bei geschätzt 14°C zu genießen schienen – einziger Wermutstropfen – 12 Pfund pro Nacht fürs Ankern und ein teilweise unangenehmer Schwell am Ankerplatz.

Nachdem wir auf dem nächsten Schlag vom Gestampfe mal wieder die Nase voll hatten sind wir nach Plymouth abgedreht und haben vor Cawsand geankert. Ein schöner Ausblick auf Wald auf Felsenklippen, sonst gibt es weiter nichts zu berichten.

Dann führte uns der Weg nach Fowey wo wir mal wieder im Stockfinstern einliefen und uns eineinhalb Meilen im Dunkeln den Fluss hoch zum einzigen Steg mit Landzugang tasteten – Anne hatte sich mal wieder festen Boden unter den Füßen gewünscht. Deswegen blieben wir auch zwei Nächte und unternahmen einen ausgiebigen Spaziergang. Ein weiterer Grund war, dass der Wind dann endlich mal nicht aus Südwest sondern aus Nord kommen sollte.

Dies bescherte uns dann auch einen sehr schönen Segeltörn mit über 7knt nach Falmouth. Der Gasthafen, wo ich damals mit der Familie den Winter verbracht hatte war restlos überfüllt, aber wir kamen in der Pendennis Marina für eine Nacht unter (46 Pfund). Dann haben wir drei Nächte geankert (je 15 Pfund) und sind zum Schluss noch für zwei Nächte im Gästehafen untergekommen (je 50 Pfund). Aber lassen wir den schnöden Mammon; gleich nach unserer Ankunft habe ich meinen alten Freund Rick angerufen und 20min später saß er wie früher auf einen Kaffee bei uns an Bord und wir später dann bei ihm. Er lebt immer noch auf einem Segelboot im Hafen. Das Wiedersehen war sehr, sehr schön. Am Sonntag gab es dann nach alter Tradition Sunday Lunch bei uns an Bord mit Hähnchen, Yorkshire Puddings usw. und auch ein paar Gläser Cider aus unserer großen Flasche. Einen ausgiebigen Spaziergang haben wir ebenfalls unternommen und dabei sah ich zum ersten Mal den sehr schönen Botanischen Garten. Einige Reparaturen standen ebenfalls an: Die Maschine hat jetzt eine neue Wasserpumpe und ein neues Thermostat. Der Außenborder läuft wieder – elementar wenn man ankert und Wind und Tide sehr stark sind.

Morgen früh geht es dann nach Ilet de Ouesannt, nahe Brest in der Bretagne. Von dort soll es dann über die Biskaya nach Spanien gehen. 

Bis dann liebe Grüße von uns beiden an alle Leser und Leserinnen.

PS

Diesmal gibt es keine Positionsangaben. Obwohl wir nun einige Tage in Falmouth verbracht haben verging die Zeit wie immer viel zu schnell und dieser Blogeintrag kommt mal wieder auf den letzten Drücker, bevor wir morgen früh um fünf nach Frankreich aufbrechen.

Eine Antwort zu „Pints, Pickels and Pilcher”.

  1. Avatar von Claudius Fischer
    Claudius Fischer

    Ihr Lieben, sehr spannend und auch sachlich interessant, eure Reiseerlebnisse. Die Preise allerdings – naja!!! Ich folge hoch interessiert weiterhin. Viel Glück euch – Claudius c

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