Die Überfahrt

Am 5. September ging es mit etwas Verspätung endlich von Las Palmas los. Endlich ist vielleicht das falsche Wort, denn eigentlich hat es uns dort ganz gut gefallen; wir lagen für kleines Geld im Hafen am Schwimmsteg, Wasser und Strom am Steg, Dusche im Hafen an Land und das Klima mit 16°C nachts und 25°C am Tag kam uns auch sehr entgegen. Das Essen in Spanien ist sowieso hervorragend, also alles gut. Verspätung bei der Abreise gab es, weil wir unmittelbar vor Abfahrt noch Diesel tanken wollten und bereits seit Stunden diese lila Yacht an der Wassertankstelle lag und alles blockierte. Irgendwann sind wir dann einfach an die Rückseite des Steges gefahren. Bei der lila Yacht rundete die Anzeige an der Tanksäule gerade die 4500 l Marke … Der lange Schlauch der zweiten Zapfsäule reichte zum Glück bis zu uns.
Die vor uns liegende Strecke betrug etwa 950 nm, entsprechend ca. 1700 km entlang der Südküste Marokkos, der Küste der Demokratischen Republik Westsahara, Mauretaniens und Senegals bis nach Banjul, der Hauptstadt Gambias (13°26,85N 016°36,03W).
Tag/Nacht 3
Seit Mitternacht weht der Harmattan, ein Wind der meist aus Nordost kommt und rotbraunen Staub en masse mitbringt. Die Sicht sinkt auf unter 2 nm, normalerweise liegt sie bei 8 nm. Die unzähligen Schiffe sieht man größtenteils nur noch auf dem Radar – erst nach unserer Ankunft lesen wir im Internet, dass der Suezkanal unter Beschuss liegt und viele Reedereien ihre Schiffe um Südafrika herum umlenken. Eine lockere Hochrechnung ergibt ca. 2000 Schiffe zwischen Kapstadt und Gibraltar … Gegen 6 Uhr morgens kommt ein fliegender Fisch ins Cockpit geflattert, aber Anne hat keine Lust auf fliegenden Fisch zum Frühstück.
Die fliegenden Fische sind aber auch so eine willkommene Abwechslung. Am Tage sieht man sie wie silberne Schwalben über den Wellen segeln. Eines Nachts konnten wir ein ganz besonderes Schauspiel beobachten – eine Gruppe Delphine jagte direkt neben unserem Boot einen Schwarm fliegender Fische. Von unserer Taschenlampe angeleuchtet, funkelten deren große runde Augen bernsteinfarben und hüpften wie kleine Flummis auf den Wellen.
Nachdem wir die Nacht durchgetuckert sind kommt jetzt etwas Wind auf und wir ziehen die ausgebaumte Leichtwindgenua und das Großsegel hoch. Quasi Passatsegeln. Allerdings geht der Wind ständig hoch und runter zwischen 27 knt gemessen an Deck (also etwa 35 knt im Rigg = 7–8BFT) und 0 knt. Ich gebe zu, manchmal sind wir zu faul die Segel zu wechseln und tuckern einfach eine längere Zeit. Außerdem wurde Anne zwischendurch wieder seekrank und alleine die Segel zu wechseln geht zwar, ist auf die Dauer aber ganz schön anstrengend. Immerhin haben wir seit Las Palmas einen elektrischen Pinnenpiloten, welchen wir an die Windfahnensteuerung angeschlossen haben. Dort tut Pilota Rakete (wir haben das Teil nach der Kapitänin von Seawatch benannt) zufriedenstellend Dienst und verbraucht kaum Strom, da die Kraft von der Windfahnensteuerung generiert wird.
Langsam wird es hell und das ganze Boot ist mit rotbraunem Staub bedeckt; unsere im Mai noch neuen und weißen Relingsnetzte sind auf der Windseite mittlerer Weile auch rotbraun. In Verbindung mit dem Salz von der Gischt ergibt das eine „wunderbare“ Paste auf allem.
Nacht 8
Normaler Weise sollte man sich von der afrikanischen Küste besser fernhalten. Die zahlreichen Fischer und der enorme Schwell im flacheren Wasser sind da eigentlich schon Grund genug, hinzu kommt aber auch noch das politische System in Westsahara und im Königreich Mauretanien. Diese Nacht soll es aber weiter unter Land gehen um vor Dakar/Senegal ein Lebenszeichen per sms an die Familie abzusetzen. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Plötzlich sind wir von unzähligen Fischerbooten und ihren befeuerten Netzen umgeben – es ist kein Ausweg aus dem Wirrwarr zu sehen bis der Mond schwach rötlich kurz am Himmel erscheint und uns eine Gasse zeigt. Den Rest der Nacht sehen wir überall Lichter von Fischerbooten nur nicht auf unserer Strecke.
Nacht 10 / Tag 11
Spät abends erreichen wir die Mündung des Gambia River und ankern im bereits halbdunklen neben der Fahrrinne. Im Dunkeln in den unbefeuerten Fluss mit den vielen Fischern und auch einigen, wenn auch wenigen Frachtschiffen einzufahren ist uns zu riskant.
Am nächsten Morgen fahren wir nach Banjul rein und ankern vor der Pier mit den chinesischen Fischtrawlern. Die Chinesen haben wohl einen Deal mit der Regierung gemacht: Infrastrukturhilfe (wohl noch nichts umgesetzt) gegen die Lizenz zum Fischen. Sie haben mittlerweile drei Fischmehlfabriken errichtet und fischen der einheimischen Bevölkerung die Lebensgrundlage weg. Die einheimischen Frauen beklagen sich, dass es an manchen Tagen keinen Fisch mehr auf dem Markt zu kaufen gibt.
Es ist Sonnabend Vormittag. Ich greife alle Papiere und wir machen das Schlauchboot klar, um an Land zu kommen. Anne muss auf dem Boot bleiben und warten, bis ich uns einklariert habe. In Gambia ist das eine Tortur, welche auch mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen kann, schließlich ist man hier nicht auf Yachten eingestellt und selbige werden quasi wie Frachtschiffe behandelt. Die Pier wirkt vertraut, in den letzten zehn Jahren hat sich nichts geändert, nur die Chinesen sind neu, lassen sich aber auf der Pier kaum sehen. Ihr Beliebtheitsgrad bei der einheimischen Bevölkerung hält sich in Grenzen. Zuerst komme ich am Ende der Pier zur Security – ein halbes Dutzend Attaya (das Nationalgetränk – hoch konzentrierter grüner Tee mit seehr viel Zucker) trinkende, Karten spielende Männer. Einer, es scheint ihr Chef zu sein, fragt mich wer ich bin und was ich will. Ich werde ins Besucherbuch eingetragen und dann ruft er einen Mann herbei, der mir den Weg zu den Hafenbehörden zeigen soll. Er heißt Modu und will – ganz untypisch für die Hauptstadtregion – gar kein Geld für seine Dienste. Ich gebe ihm aber 5 Euro, einfach aus dem Grund, dass er hilfsbereit ist und mich nicht abzocken will. Nachdem wir auch den Militärposten passiert haben gehen wir die extrem vermüllte, verstaubte und von unzähligen LKW-Halbwracks gesäumte Straße am Hafen entlang bis zu deren Ende. Dort treffen wir den Zolloffizier in Levi’s und Adidas T-Shirt. Er schickt uns ins Zollbüro einen Eingang zurück (Um in das Hafengelände zu kommen, braucht man eine Lumiweste, welche Modu für mich erwirbt – ich gebe ihm später noch einen 5-Euro-Schein, damit noch etwas für ihn übrig bleibt.). Dort hinter einem schmutzigen Stoffvorhang ist ein Minibüro mit zwei Schreibtischen, zwei Computern, zwei wichtigen Beamten und diversen alten mit Sand gefüllten Reissäcken als Sitze für die Kunden, also auch für mich. Über der Tür stöhnt eine Klimaanlage, an der Decke ein altersschwacher Ventilator. Die Rechner scheinen eher als Staffage zu dienen. Das Zollformular, unzählige Male kopiert, wird von Hand ausgefüllt. Dann verlangt er zwei Kopien meines Passes, welche ich nicht habe. Ich weise auf den Kopierer in der Ecke; seine Antwort: This dead! – Der ist tot. Wir verlassen den Hafen und laufen zweihundert Meter zum Kopierladen; wir sind die einzigen Kunden und es gibt nichts weiter zu tun, trotzdem dauert es 10 min – TIA -This is Africa! Ein Kürzel mit dem alles erklärt wird. Zurück im Zollbüro werden die beiden Passkopien an die beiden identischen Zollformulare (er hat dafür in unserer Abwesenheit das erste noch einmal abgeschrieben – der Kopierer ist bekanntlich tot) angeheftet und wir werden damit zur Migration (Einreisebehörde) geschickt. Dort hängen etwa ein halbes Dutzend gelangweilte Polizisten in Uniform rum. Der Mann mit dem Stempel sei heute nicht da, schließlich ist Sonnabend. Ich frage, ob meine Frau an Land dürfe. Nein auf keinen Fall ohne Stempel im Pass. Ich verdrehe die Augen und denke an die arme Anne. Da meint er, er wolle nett sein und uns eine für 72 h gültige Sondergenehmigung ausstellen mit der wir an Land dürfen, bis wir Montag die Stempel bekommen. Dies sei eine Nettigkeit seinerseits und gratis ABER ein TIP sei WILLKOMMEN. Der nächste 5-Euro-Schein wechselt den Besitzer – ich hatte auf Las Palmas für diesen Zweck extra 5-Euro-Scheine gesammelt. Der Hafenmeister habe ebenfalls erst wieder am Montag auf. Die erste Hälfte des Einklarierungsmarathons ist geschafft. Wir dürfen an Land und der Rest Bürokratie am Montag erscheint überschaubar.
Mehr zu unseren Erlebnissen in Banjul, dann im zweiten Teil.





Einen guten Rutsch für euch alle, Anne und Götz
Hinterlasse eine Antwort zu anneundgoetz Antwort abbrechen