Dorfleben

Unser Aufenthalt in Gambia neigt sich dem Ende zu und wir haben noch gar nicht groß von unserer Zeit in Balingho erzählt.
Mit unserem Dinghi fahren wir jeden Tag ans Ufer, schwingen uns auf unsere Fahrräder und fahren die zehn Minuten ins Dorf.
Noch bevor man das Dorf erreicht kommt man am Compound (Hof) von Goeff vorbei. Goeff ist ein 83-jähriger Engländer, der als Segler vor 20 Jahren in Balingho gelandet ist und beschlossen hat hier sesshaft zu werden und sich seinen alten Traum zu erfüllen ein eigenes Haus zu bauen. „Von 20 bis 40 war ich in der britischen Navy, von 40 bis 60 bin ich um die Welt gesegelt und von 60 bis 80 habe ich mich hier vom segeln erholt. Jetzt fange ich langsam an Gambia zu verstehen.“


Als Steve das erste Mal seit 10 Jahren wieder nach Balingho kam, wurde er empfangen wie der verlorene Sohn und auch ich wurde gleich extrem herzlich aufgenommen. Sobald wir ins Dorf kommen, rufen die Kinder in fast jedem Compound: Steve, Anna! Steve, Anna!
Uns kennt im Dorf nach kurzer Zeit fast jeder mit Namen, aber bei mehreren 100 Einwohnern, halten wir uns dann doch an die Familie von Ousmane und den Compound vom Jammeh-Clan zudem Steves guter Freund Menata gehört. Während es bei Ousmane mit sieben noch auf dem Hof lebenden Kindern, zwei Enkeln und einer Ehefrau noch überschaubar ist, stoße ich bei Menatas Familie an meine Grenzen. Im ersten Haus wohnt der Alkalo (Bürgermeister und wahrscheinlich Onkel von Menata) mit einer seiner Frauen, drei erwachsenen Töchtern, mindestens zwei Enkelinnen und weiteren kleineren Kindern. Alkalo ist so um die 75 Jahre alt, genau weis das keiner … Im Haus daneben wohnt der Bruder vom Alkalo mit einer (?) Ehefrau, deren Mutter und einem kleineren Sohn.
Den anderen Teil des Compounds bewohnen Menata (ca. 65 Jahre alt) mit seinen zwei Frauen Nato und Mariama sowie Mariamas Kindern. Die Kinder der Erstfrau Nato sind schon groß und aus dem Haus. Dann gibt es noch Menatas kleinen Bruder Bakary (53) mit Erstfrau Kaddy – 8 Kinder – und Zweitfrau Fatima – 2 Kinder. Da in Gambia Cousins und Cousinen als Bruder und Schwester bezeichnet werden und Onkel gerne als Vater ist es schwierig, die Verwandtschaftsverhältnisse genau zu verstehen.
Ousmanes Mutter ist eine Schwester vom Alkalo aber Ousmane ist mit den „dorfpolitischen“ Ansichten und Handlungen seiner Verwandten nicht immer einverstanden und wohnt deswegen auf seinem eigenen Compound. Ousmane sind die Themen Schule und Bildung der Kinder sehr wichtig, dem Alkalo ist das weitestgehend egal und Menata war in der Vergangenheit als Vorsitzender des Schulkommitees auch nicht immer bereit den unfähigen Schuldirektoren auf die Finger zu klopfen.







Zum Thema Heirat muss folgendes erwähnt werden: Zwangsverheiratungen sind verboten und werden immer seltener. Auch müssen Frauen mindestens 18 sein, um heiraten zu können – das war in der jüngeren Vergangenheit beileibe nicht Standard. Es gibt verschiedene Gründe als Mann zu einer Zweitfrau oder auch Dritt-/Viertfrau zu kommen. Wenn ein naher Verwandter (Mann) stirbt und eine Witwe mit Kindern hinterläßt muss der Bruder des Toten ihr anbieten ihn zu heiraten – die Großfamilie bietet soziale Sicherheit und ersetzt das nicht existente Sozialsystem. Ein anderer Grund für eine weitere Frau kann sein, dass der Mann einfach Lust auf „was jüngeres“ hat oder aber die Erstfrau ist alt und gebrechlich und schafft die anfallenden Arbeiten nicht mehr – die Zweitfrau erfüllt dann die Funktion einer Hauswirtschaftshilfe. Bis auf wenige Ausnahmen übernehmen Männer niemals Aufgaben im Haushalt. Grundsätzlich muss die Erstfrau allen weiteren Frauen zustimmen, sonst wird nichts draus. Die Erstfrau ist und bleibt die Chefin auf dem Hof, die anfallende Arbeit wird größtenteils an die Zweit-/…Frau weitergereicht.
Wenn wir auf dem Hof erscheinen, wird sofort der Attaya-Ofen in Gang gesetzt. Der extrem starke, mit Unmengen Zucker versetzte chinesische Grüntee ist das Lieblingsgetränk fast aller Gambier. Für Steve gibt es Juice (Süßstoff basiertes Getränkepulver – nicht nur bei den Kindern in hochkonzentrierter Form äußerst beliebt). Und natürlich sollen wir immer zum Essen bleiben; meist gibt es Reis mit Fisch und Soße – sehr lecker sind die Zwiebel- oder Erdnusssoßen. Da Steve keinen Fisch isst, bleibt er allerdings ungern zum Essen und oft planen wir unsere Besuche taktisch vor oder nach dem Essen.








Einkaufsmöglichkeiten im Dorf gibt es fast keine. Im winzigen, stockfinsteren Dorfladen gibt es Zigaretten, Attaya, Zucker, Zwiebeln, „Juice“, Streichhölzer, Mückenspiralen, ein paar Süßigkeiten und Waschpulver, ach ja und Brühwürfel. Auf dem Jammeh Compound hat neuerdings ein zweiter noch kleinerer Laden aufgemacht. Meist fahren wir ins „Camp“; damit ist das landwirtschaftliche Ausbildungscamp der Stiftung Sabab Lou gemeint, welches sich ungefähr 1 bis 2km außerhalb des Dorfes befindet. Dort können junge Leute eine zweijährige Ausbildung im Bereich Landwirtschaft/Vermarktung absolvieren. Sie lernen, wie man Landwirtschaft effektiv betreibt und die Produkte entsprechend vermarktet. Die Azubis bekommen Unterkunft und Verpflegung + Taschengeld gestellt und werden mit 15 % an den Umsätzen aus ihrem jeweiligen Einsatzbereich beteiligt. Dieses Geld wird für sie angelegt und ihnen nach absolvierter Ausbildung als Startkapital für ihr eigenes Unternehmen ausgezahlt. Im Camp kann man die Erzeugnisse auch kaufen; alles ist frisch und die Preise sind fair. Es gibt Eier, Hühner, Puten, Papaya, Tomaten, Zwiebeln, Paprika und, und, und. Wir kaufen meist Eier, Tomaten und Papaya. Den Rest holen wir in Farafenni.
Im Camp haben wir Ismaila, kurz Is, kennengelernt. Er hat selbst die Ausbildung im Camp absolviert und anschließend studiert. Is ist der Gärtnermeister und kümmert sich um den praktischen Teil der Ausbildung. Er gehört zu den Leuten, die unbedingt in Gambia bleiben und ihr Wissen an andere weitergeben wollen um das Land voranzubringen. Gern sitzen wir, wenn es seine Zeit zulässt, mit ihm ein Stündchen zusammen und Götz fachsimpelt mit ihm über Gartenbau. Es wird weitestgehend auf die Chemiekeule beim Pflanzenschutz verzichtet. Stattdessen wird auf vor Ort verfügbare Mittel und Techniken gesetzt, schon aus dem Grund weil diese fast umsonst zur Verfügung stehen. Das Gelände hat die Stiftung vom Dorf zur Verfügung gestellt bekommen. Im Gegenzug wird das Dorf über ein Leitungsnetz den größten Teil des Jahres mit Trinkwasser versorgt und seit diesem Jahr gibt es auch den Community Garden (Gemeinschaftsgarten), von den Männern bezeichnender Weise „Women’s Garden“ (Frauengarten) genannt. Das Gelände am Dorfrand wurde von der Stiftung gerodet, urbar gemacht und an die Wasserversorgung des Camps angeschlossen. Darüber hinaus wurde es eingezäunt. Das ist sehr wichtig, da sonst in der Trockenzeit die Ziegen und Schafe sowie die klaufreudigen Affen alles ernten würden. Die Frauen sind mit großer Begeisterung bei der Sache und neuerdings gibt es auf vielen Höfen Kopfsalat zu essen und wir bekommen auch diverse Salatköpfe in die Hand gedrückt.
Wir sind sehr begeistert von der Arbeit des Camps und haben den Eindruck, dass hier wirklich sinnvolle Entwicklungshilfe geleistet wird. Wenn es euch interessiert schaut gerne auf der Seite der Sabab Lou Stiftung vorbei https://www.sabab-lou.de/ausbildungszentrum-gambia/.










Eine der Haupteinnahmequellen von Balingho ist die Fischerei. Einige junge Männer arbeiten auf eigenen oder auch fremden Fischerbooten in Banjul, wo sie gerne als Balingho Gang bezeichnet werden (Das ist nicht negativ gemeint!). Das ist eher als Anerkennung gemeint. So werden Fischer aus Balingho auch gerne als Steuerleute auf Flüchtlingsbooten angeheuert, auf denen sie und zwei oder drei Freunde dann gratis mitgenommen werden. Daraus ergibt sich dann auch die zweite Einnahmequelle, Geldsendungen vom Sohn in Europa …
Die Boote der Flussfischer in Balingho sind kleiner, 5–9m, als die der Küstenfischer, 12–15m. Man fischt mit Netzen, welche man mit der Tide den Fluss hoch bzw. runter treiben lässt. Auch gefahren wird meist mit der Tide, egal ob der Antrieb mittels Außenbordmotor oder per Paddel erfolgt. Wenn die Dichtigkeit des Bootes es zulässt wird manchmal alleine gefahren, meist muss aber einer zum Schöpfen mit. Bakary meinte mal stolz zu mir: Ich kann nachts sogar 6 h schlafen ohne zu schöpfen. Ousmane verbrachte bei seinem alten Boot zum Schluss mehr als die Hälfte der Zeit mit Schöpfen.
Den größten Teil des Jahres führt der Fluss bei Balingho Süßwasser, aber zum Ende der Trockenzeit, wenn nicht mehr genug Süßwasser aus dem Quellgebiet nachfließt, wird der Fluss immer salziger, da durch die Tide das Salzwasser immer weiter den Fluss hochgedrückt wird. Dann wird in Balingho, 150 km vom Meer entfernt, auch Seefisch gefangen. In der „Süßwasserzeit“ werden meist kleine Fische, Bonga und White Fish, aber auch hin und wieder Captain Fish (in seltenen Fällen auch mal über 50kg schwer) und Barrakuda gefangen. Dann gibt es noch den Catfish, einen länglichen Plattfisch bei dem man die obere Hautschicht mit Heißwasser entfernen muss, da sie giftig ist. Krabben mit etwa Handteller großem Körper und Tigergarnelen gehen hin und wieder ebenfalls ins Netz. Die Tigergarnelen sind vor Jahren mal aus einer Fischzuchtanlage nähe Banjul entkommen und verbreiten sich langsam über den Fluss. Sie sind eine Delikatesse.
Der Ertrag aus dem Fang wird traditionell nach folgender Formel aufgeteilt: Je ein Teil pro Besatzungsmitglied, ein Teil für den Besitzer des Bootes, ein Teil für den Besitzer des Netzes und gegebenenfalls ein Teil für den Besitzer des Außenbordmotors.
In diesem Jahr sind ganze Familien aus Guinea aufgetaucht, welche den Fisch für 250 Dalassi pro 30 Liter Schüssel voll aufkaufen, räuchern und trocknen und im afrikanischen Hinterland (Mali, Guinea), wo Fisch Mangelware ist, verkaufen. Außerdem tauchten plötzlich auch senegalesische Fischer mit ihren viel größeren Booten auf, die ihren Fang direkt an die Familien aus Guinea verkauften. Problematisch daran ist nicht nur, dass sowohl Händler als auch Fischer illegal und ohne Steuern zu zahlen agieren, sondern, dass sie massenweise Kleinstfische aus dem Fluss holen und so großen Schaden anrichten. Die Frauen aus Balingho verdienten sich etwas Extrageld mit dem Putzen der Fische, aber 15 Dalassi pro Schüssel sind dann doch auch in Gambia ein Hungerlohn. So streikten denn die Frauen für mehr Geld und weigerten sich weiter Fische zu putzen. Die Männer wollten mehr Geld für ihren Fisch und am Ende sind dann die Fischersfrauen mit dem Fang ihrer Männer mit dem Dorftaxi (Dreirad Motorrad) in die Stadt gefahren und verkaufen den Fisch auf dem Markt für 800 Dalassi pro Schüssel (75 Dalassi=1€). Jetzt haben die Fischerfamilien mehr Geld, die Händler aus Guinea bekommen kaum noch Fisch und müssen ihn dann auch selber putzen und der Fischaufkäufer, welcher bis letztes Jahr das große Geschäft gemacht hat schaut in die Röhre.




Nach gut sechs Wochen war es dann Zeit für den Abschied, der wie schon so oft wieder sehr schwer viel. Obwohl wir uns am Abend vor unserer Abreise schon bei allen verabschiedet hatten, kamen am nächsten Morgen noch einmal etliche Freunde zum Strand.

Hinterlasse einen Kommentar