Am fin del mundo

Die Fahrt von Isla de los Estados nach Ushuaia dauerte zwei Tage mit einem Übernachtungsstopp in einer Bucht der Estancia Haberton am östlichen Eingang des Beaglekanals. Als wir in Ushuaia ankamen stellten wir fest, dass alle Mooringstonnen und Stegplätze belegt waren, so dass wir die erste Nacht mit rutschenden Ankern und zwei zusätzlichen Landleinen in prekär flachem Wasser in Landnähe liegen mussten. Dem Geruch nach, dient die Bucht der Abwasserversorgung der 80.000 Einwohnerstadt und anscheinend auch der Müllentsorgung; möglicherweise lagen die Anker auf einer alten Jeans … darunter dann unergründlicher Schlamm … Zum Glück fiel uns noch ein, dass unser Freund Eduardo aus Brasilien mal erwähnte, er hätte eine private Mooringstonne in Ushuaia und so konnten wir am nächsten Vormittag das Boot an Eduardos Mooring verlegen und uns dem Besuch der Prefectura widmen.
Ushuaia ist zwar nicht besonders groß aber durchaus ein regionales Zentrum für einerseits Tourismus (täglich legen hier diverse Kreuzfahrtschiffe an) und andererseits für alles was der Mensch so braucht. Natürlich ist auch die Marine sehr umfangreich vertreten, da der böse Nachbar Chile auf der anderen Seite des Beagle-Kanals wartet. Es gibt auch einen kleinen und einen etwas größeren Flughafen, allerdings keinerlei reguläre Fährverbindung ans chilenische Ufer. Dafür gibt es ein Denkmal für Gunther Plüschow, einen deutschen Marineflieger aus dem ersten Weltkrieg, welcher in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit einem kleinen Wasserflugzeug und einem 15m Segelkutter als Basis den Feuerlandarchipel erkundete und, zum ersten Mal überhaupt, von oben filmte. Der Film war in den späten Zwanzigern ein Kassenschlager in den deutschen Kinos und Plüschow ist bis heute beiderseits des Beagle-Kanals eine Art Volksheld. Durchaus interessant, den Namen mal bei Wiki einzugeben.
In Ushuaia verproviantierten wir uns auch, da es in Chile etwas teurer sein sollte und gingen auf die Suche nach ein paar Fläschchen ATF Öl, womit an Bord der Plani gefühlt alles läuft, vom Getriebe über Hydrauliklenkung bis Kielhydraulik. Unsere Gasflaschen zum Kochen mussten auch mal wieder nachgefüllt werden und eine Einweg-Palette von den Pflastersteinen, welche gerade an der Hafenpromenade verarbeitet wurden diente der Aufstockung des Brennmaterials für unseren kleinen Holzofen. Zu guter Letzt marschierten wir noch mit unserer Dreckwäsche zum einzigen! Waschsalon Argentiniens. Der Inhaber hat lange in Brasilien gelebt und von dort dieses, für Argentinier, völlig exotische Konzept mit nach Feuerland gebracht :-). Nachdem der Papierkrieg bei der Ausreise (Prefectura, Zoll und Migration) erstaunlich schnell – unter 2h zusammen – erledigt war, ging es den Beagle-Kanal wieder Richtung Osten nach Puerto Williams, meist kurz Williams genannt, an welchem wir vor ein paar Tagen gerade vorbeigefahren waren. Das chilenische Puerto Williams auf der Insel Navarino hat ca. 1700 Einwohner und bezeichnet sich als „südlichste Stadt der Welt“ und konkurriert hierin mit dem argentinischen Ushuaia, wo man behauptet, Williams sei gar keine Stadt … In Williams machten wir im weltberühmten und – definitiv – südlichsten Segelverein der Welt fest, im Club Micalvi. Der Club gehört zur chilenischen Armada (Kriegsmarine) und besteht aus einem versenkten Schiff, der Micalvi, welches als Pier zum festmachen der Boote dient. Die Micalvi stammt aus Deutschland, wo sie um 1920 zwei Jahre als Frachtdampfer auf dem Rhein diente, bevor sie nach Chile kam und der Armada bis zu ihrer „Versenkung“ als Munitionsfrachter diente. Als wir ankamen wurden wir von der dortigen internationalen Seglergemeinde mit dem Hinweis begrüßt, dass heute Abend an Bord der Micalvi gegrillt wird und wir herzlich eingeladen sind. Das Einklarieren dauerte summa summarum den ganzen nächstenTag. Williams ist nicht gerade beindruckend, fast ausschließlich flache, barrackenartige Häuser, drei kleine „Super“-Märkte, zwei Banken und was so eine Gemeinde am Ende der Welt sonst noch so braucht. Ohne eigenes Boot kann man Puerto Williams nur per Flugzeug oder Fähre von Punta Arenas erreichen. Für die kurze Strecke nach Ushuaia muss man sich eine private Mitfahrgelegenheit auf einem Boot suchen und das kann sehr teuer werden …
Eines Tages gab es eine lustige Geschichte: Wir standen am Zugangssteg zur Micalvi und schnackten über den üblichen Seglerkram mit ein paar anderen Seglern, als einer erwähnte, er wäre früher mal bei der Armada gewesen und fahre jetzt mit zahlenden Gästen in der Gegend. Da kam mir Osvaldo wieder in Erinnerung, von dem uns Claudia und Jonathan erzählt hatten. Und tatsächlich, genau dieser Osvaldo stand vor uns und sprach praktischerweise neben Spanisch auch noch fließend Deutsch und Englisch. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und wohnt in Bielefeld. Früher bei der Armada war er unter anderem Leuchtturmwärter am Kap Hoorn – eine unerschöpfliche Quelle an Informationen, der darüberhinaus jeden in der Gegend kennt, in jeder Bucht geankert hat und die wenigen zuverlässigen, naja, halbwegs zuverlässigen, Quellen für Wettervorhersagen kennt. Er selbst betrachtet Wetterbeobachtungen, seit der Zeit, als es zu seinen Aufgaben als Leuchtturmwärter gehörte, Wetterdaten aufzuzeichnen, als Hobby. Nach dem dritten Satz fiel dann natürlich der Name Gunther Plüschow und Osvaldo outete sich als großer Plüschow Freund (sein Boot heißt Feuerland, wie der Holzkutter von Plüschow damals) und lud uns zum nächsten Abend zu einem Vortrag über Plüschow ein. Ein kleiner Kreis von vielleicht 20 oder 30 Leuten traf sich in einem nahegelegenen Hotel zu einem Vortrag von Gerhard Ehlers, einem Plüschow Biografen aus Berlin, mit welchem ich vor dem Vortrag ins Gespräch kam – war ich doch schon als Jugendlicher begeistert von Plüschow’s Bestseller Silberkondor über Feuerland. Ein ebenfalls anwesender junger Fotograf und Dokfilmer, Alfredo Pourailly, fotografiert die Gletscher Feuerlands aus genau der Position, aus welcher Plüschow das vor hundert Jahren tat um ihren durch den Klimawandel bedingten Rückgang zu zeigen – erschreckende Vorher/Nachher Impressionen. Als er erfuhr, dass wir unser Boot verkaufen wollen, hatte er gleich Interesse und kam ein paar Tage später auf ein Bier vorbei. Jetzt gibt es schon zwei Interessenten, genau genommen drei, nachdem noch ein Bekannter von Osvaldo ein paar Wochen später Kaufinteresse signalisierte.
Schließlich hatten wir unser Zarpe (Fahrgenehmigung) für den Circuito de Ventisqueros (Gletscherrunde) von der Armada und fuhren den Beagle-Kanal mal wieder Richtung Westen an Ushuaia vorbei, um eine Runde über den Nordwest- und den Südwestarm des Beagle-Kanals an den Gletschern vorbei zu drehen. Am zweiten Tag hatten wir so viel Wind und Hackwelle von vorne, dass es einfach nur frustrierend war und wir bis zur nächsten Ankerbucht zurück fuhren. Den Tag darauf sollte es bis zur Caleta Olla gehen. Bereits im Laufe des Tages machte sich ein ischiasartiger Schmerz in meinem Rücken bemerkbar, welcher sich am nächsten Morgen als Bandscheibenvorfall herausstellte. Gut, wenn man einen angehenden Physiotherapeuten als „Schwiegersohn“ hat, welcher bei Diagnose und Therapie telefonisch von Griechenland nach Feuerland hilft – Nico, vielen Dank nochmal! Ich war also weitestgehend lahm gelegt, gut dass wir gerade in der Caleta Olla lagen, einem der besten und sichersten Ankerplätze weit und breit. Am nächsten Tag pfiff der Wind mit 63 Knoten (das ist Oberkante 11Bft –„Orkanartiger Sturm“) über den Baumstreifen hinter dem Strand, während unser Windgenerator stillstand! Weiterfahren war keine Option – nach fünf Tagen mehr oder weniger Liegen mit Wärmflasche auf dem Allerwertesten und einem grenzwertigen Cocktail aus 800er Ibuprofen und Novaminsulfon tasteten wir uns langsam wieder zurück. Die meiste Zeit stand Anne am Steuer und musste auch den Anker hochkurbeln. Am nächsten Tag fuhren wir mal wieder an Ushuaia vorbei und erreichten nach insgesamt zwei Tagen wieder den Club Micalvi, wo uns Osvaldo schon einen Platz im Päckchen reserviert hatte. Landstrom mit Elektropuster, die legendäre Dusche von Micalvi (wer sich da reintraut, ist auch für die Umrundung von Kap Hoorn bereit) und ein Krankenhaus, in dem man uns hoffentlich bessere Schmerzmittel verschreiben würde – es konnte wieder aufwärts gehen. Der Besuch im Krankenhaus endete ernüchternd: Der Arzt sprach zwar Englisch, verordnete aber nur eher lachhafte Entzündungshemmer – es wurde noch schlimmer. Also am nächsten Tag noch einmal hin. Der neue Arzt sprach nur Spanisch, aber verordnete wenigstens Tramadol, wenn auch in einer sehr niedrigen Dosierung. Nachdem Anne noch zwei weitere Male zum Krankenhaus ging um mit dem Arzt zu verhandeln, stellte sich heraus, dass man hier ein Rezept beliebig oft einlösen kann, in Absprache mit einem befreundeten Arzt in Berlin, haben wir dann die Dosis „etwas“ erhöht und Anne wurde Stammgast in der örtlichen Apotheke. Die Behandlung im staatlichen Krankenhaus war übrigens komplett kostenfrei! Drei Wochen liegen, wärmen und ein paar Grillabende später ging es dann aufwärts; erst tausend Schritte pro Tag, dann schließlich 5000. Es stellte sich derweil heraus, dass fast jeder der Segler im Hafen schon den einen oder anderen Bandscheibenvorfall gehabt hatte. Wir füllten unsere Brennholz- und Lebensmittelvorräte wieder auf, Anne sammelte Calafatebeeren, eine hier heimische Berberizenart, und machte daraus Marmelade und schließlich kam der Tag, wo wir uns ein neues Zarpe holten und uns wieder auf den Weg Richtung Westen machten, das fünfte Mal auf dem Stück Beagle-Kanal zwischen Ushuaia und Williams.
In diesem Moment, wo ich das hier schreibe liegen wir in der Caleta Allakush auf der Insel Chair am westlichen Ende des Brazo Noroeste de Canal Beagle kurz vor dem Pazifischen Ozean. Es regnet in Strömen bei 6°C und gut 30knt Wind. Es ist Herbst geworden. Um die Gletschertour geht es im nächsten Blogeintrag. Vielen Dank fürs Lesen und bleibt uns gewogen.




Auf dem Weg von der Estancia Haberton nach Ushuaia kommt man an einer Insel mit einer großen Kolonie von Magellanpinguinen vorbei. Man darf sie nicht betreten, aber wir sind so dicht wie möglich rangefahren – da wir die Pinguine sonst immer nur im Wasser beobachten konnten. Am Ende ein kleines Audio mit der dazugehörigen Geräuschkulisse 🙂








Das argentinische Ushuaia ist die Touristenhochburg in Tierra del Fuego. Täglich legen diverse Kreuzfahrtschiffe an, die von hier aus wahlweise eine Runde durch die chilenischen Canales und Fjorde drehen oder zur antarktischen Halbinsel fahren. Im Segelverein liegen außerdem etliche Segelyachten die zahlende Gäste in die Antarktis bringen. Die Dichte an Passigierschiffen in der Antarktis ist im Sommer inzwischen unfassbar hoch …












Bei unserer ersten Ankunft in Williams haben wir uns an eine, etwas überdimensionierte, Morringstonne gehängt. Dem Päckchenliegen an der Micalvi haben wir da noch nicht so ganz getraut. Im Ort fühlt man sich tatsächlich am Ende der Welt, es gibt allerdings ein interessantes Museum zur Geschichte des indigenen Volkes der Yagan, die von den europäischen Siedlern fast vollständig ausgerottet wurden. Auf Youtube gibt es einen schönen Film über einen der letzten Nachfahren https://www.youtube.com/watch?v=AbHz7hc4P4Y (span. mit engl. UT). Die Landschaft rund um Williams ist, wie überall in Feuerland, traumhaft und es gibt sogar einige mehr oder weniger gut ausgebaute Wanderwege.









Unser erster Aufbruch zu den Gletschern endete in der Caleta Olla (letztes Bild) am östlichen Eingang des Brazo Noroeste. Da der Platz bei Westwind durch den dichten Wald hinterm Strand hervorragend geschützt ist und es einige Möglichkeiten für Wanderungen gibt, ist man hier in der Saison auch selten allein. Mit Götz Bandscheibenvorfall war es ein gutes Gefühl, jederzeit jemanden um Hilfe bitten zu können. Der Platz war übrigens so gut geschützt, dass wir am Strand ein spontanes Barbecue veranstalten konnten während draußen der Wind mit 50 Knoten pfiff und der Regen waagerecht kam.







Zurück in Williams, diesmal im Päckchen am Steg, haben wir die Gemeinschaft in Micalvi wirklich genossen. Spontanes Konzert bei einer der Zahlreichen Grillabende – auch der Kontrabass ist schon um die halbe Welt gesegelt.
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