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Aufbruch in den Süden
vom Rio de la Plata bis Puerto Deseado


Nach über einer Woche Warterei auf den halbwegs passenden Wind in La Plata, sollte es endlich Richtung Süden losgehen. Erst einmal stand uns die riesige Trichtermündung des Rio de la Plata bevor. Sie ist so lang, dass man es nicht zwischen Sonnenauf- und -untergang heraus schafft. Unzählige Tonnen – manche davon beleuchtet, andere nicht, manche vorhanden, andere nicht – sowie unzählige rein- und rausfahrende und auf Reede liegende Schiffe. Hinzu kommt, dass der La Plata bei Südostwind eine eklig steile, kurze Hackwelle aufbaut, welche wir in der Nacht zur Genüge genießen durften, als der Wind von den angesagten 10 kn auf nicht angesagte 35 kn anstieg, natürlich aus Südost. Anne war dann eher nur bedingt einsatzfähig …
Als wir dann San Clemente, einen Ankerplatz, welcher seinen Schutz von ihn umgebenden Sandbänken bezieht, erreichten, blieben wir erst einmal zwei Nächte dort bis der Wind gedreht und etwas abgeflaut hatte. Die Weiterfahrt nach Necochea/Quequén, genau genommen zum dortigen Club de Navigación Vito Dumas, von welchem wir schon viel Gutes gehört und gelesen hatten, gestaltete sich unspektakulär – Flautentuckern. Überhaupt scheint es hier nur Flaute und Starkwind/Sturm zu geben. Wind zwischen 10 und 25 Knoten – Fehlanzeige. Wenn in Deutschland kaum noch einer bei über 20 kn Wind rausfährt, gewöhnt man sich hier schnell an über 30 kn. Als wir Hafen und Prefectura anfunkten, meldete sich mal wieder nur der Hafen; allerdings antwortete die Dame sogar in mäßig verständlichem English, nicht unbedingt normal in kleineren argentinischen Häfen.
Weil’s immer wieder schön ist … ein Delfinvideo Im Club Vito Dumas hängten wir uns an die extra vorhandene Mooringstonne für Gäste und legten achtern unseren Zweitanker an einer Leine aus, um nicht ungewollt in den Fluss und damit in die Fahrrinne zu schwenken. In einer der Nächte muss eins der stets extrem schnell und dicht an uns vorbei rasenden Schlauchboote der Hochseeangler mal die andere Seite gewählt haben und unser Ankertau weitestgehend durchgehauen haben – die beiden Enden habe ich am nächsten Tag fluchend wieder zusammengespleißt. Der Club Vito Dumas ist wahrscheinlich der beste Ort für ausländische Segler in Argentinien. Alle heißen uns herzlich willkommen, sind sehr offen und total lieb mit Tips, Fahrservice zur Tankstelle, Prefectura kontaktieren. Die Männer von der Prefectura kamen dann sogar zum Club, sodass wir uns den Weg zum Büro gespart haben. Eine Einladung zum Abendessen gab es obendrauf. Falls ihr euch jetzt fragt, wer Vito Dumas war: Der berühmteste argentinische Segler. Er ist in den Vierzigern Einhand um die Welt gesegelt und hat als erster Einhandsegler auf einer Reise alle drei großen Kaps umsegelt. Obendrein schien er ein alternativer Querkopf zu sein, welcher mit den damals regierenden Militärs nicht viel am Hut hatte. Insofern ist der Name auch Programm im Club. Die Mitgliedsbeiträge sind für argentinische Verhältnisse seeehr niedrig, an vielen Booten wird gebaut und gebastelt, fast alle sprechen ein bisschen Englisch, sind interessiert und bieten Hilfe an. Drei nette, liebe Hunde gehören ebenso zum Club, Tito der „Chef“ von ihnen hat ein Fell wie ein Schaf und alle sagen: Tito will nach Ushuaia, dem ist es hier zu warm. Vielen Dank nochmal an Andrés, den Segellehrer und Um-die-Gäste-Kümmerer für die nette Betreuung. Im Club lernten wir auch Pedro kennen, welcher mit seinen 76 Jahren locker als 20 Jahre jünger durchgeht und an seiner alten 5m Jolle bastelt. Wenn sie segelklar ist möchte er mit ihr eine Weile segeln und dann will er wieder nach Brasilien gehen und lernen, wie man traditionelle Holzboote baut. Neben seiner extrem schmalen Rente stellt er Schmuck her und strahlt unglaublichen Optimismus und Lebensfreude aus.

In der Hafeneinfahrt von Necochea wird man von hunderten Seelöwen begrüßt. 









Beim obligatorischen Sicherheitcheck der Prefectura an Bord, war Götz offenbar so charmant, dass ihm einer der Jungs sein Klettabzeichen geschenkt hat – vielleicht lag’s auch am Kaffee, auf dem französischen Boot gab’s nämlich nur einen ganz kleinen :-).
Nach entspannten 5 Nächten im Club Vito Dumas geht es weiter nach Süden. Der kleine Fischerhafen in Camarones ist das Ziel, knapp 500 sm entfernt. Der Wind ist wie gehabt, Flautentuckern bei 4–6kn aus wechselnden Richtungen oder Starkwind. In den 5 Tagen kommen wir auf jämmerliche 18 Stunden Segeln, zwei unter Leichtwindgenua, 16 unter Sturmfock. Camarones ist ein Ort zum Vergessen! Der Hafen, gar nicht so alt, ist an der Kaimauer mit Abschnitten von Pipelines(?) behangen, welche als Fender dienen und die Wasserfahrzeuge schützen sollen. Sie sind aber selbst für einen 30m Fischtrawler überdimensioniert, und größere Schiffe passen gar nicht in den Hafen rein. Dazu kommt, dass viele der Stahlseile mit denen die „Fender“ aufgehängt sind inzwischen gebrochen sind und ein ungutes Gefühl verbreiten. Der Ort selbst, typisch nordpatagonisch, ist chronisch windgepeitscht, staubig, wenig Grün – so stellt man sich den perfekten Standort für ein Straflager vor. Aber: Es gibt eine Tankstelle, ein paar kleine Läden, zwei Bäcker, Trinkwasser und: natürlich auch eine Prefectura! Die haben ein Schlauchboot mit altersschwachem Außenborder in der Garage zu stehen; dieses dauerhaft im Hafen anzubinden, trauen sie sich nicht. Bei der Abreise wollen sie natürlich an Bord kommen und die Sicherheitsausrüstung kontrollieren. Dafür muss ich mit unserem Schlauchboot den Shuttleservice übernehmen, denn die Leitern an der Kaimauer zu benutzen, trauen sie sich genauso wenig wie wir – die Stahlleitern sind halb zerfallen und hängen an einer einzigen altersschwachen Fischerleine, an der sie quietschend an der Betonwand im Wind hin- und herschwingen. Da die Jungs von der Prefectura extrem akribisch und pissig alles an Bord inspizieren, kann ich natürlich genauso „zuvorkommend“ sein und weise darauf hin, dass ich nur einen der Beiden mit dem Schlauchboot mitnehme, da dieses nur für zwei Personen zugelassen ist. So trifft das Los dann einen, der auf den 30m Fahrt von der Treppe zur Plani bei 10cm Welle im Hafen seekrank wird.








Bei der Prefectura in Camarones mussten wir auch eine Erklärung unterschreiben, dass wir auf gar keinen Fall auf die Fallkl… äh Malvinas fahren. Ist natürlich Quatsch – wir wollen zwar sowieso nicht hin, aber können könnten wir schon …
Entspannte sechs Stunden später laufen wir in die atemberaubend schöne und super geschützte Caleta (kleine Bucht) Hornos ein und machen die Plani mit zwei Ankern und zwei doppelten Landleinen sturmklar fest. Die nächsten Tage sollte nämlich ein riesiges Sturmtief über uns hinwegziehen. Und aus heutiger Sicht war die Entscheidung goldrichtig. Es geht zwar hin und wieder ein Zittern durchs Boot, wenn die 40+ Böen durchs Rigg pfeifen, aber allein der Gedanke an die Monsterfender in Camarones reicht schon, die Entscheidung nicht zu bereuen. Die Fotos von der Caleta sagen mehr, als ich hier beschreiben könnte. Hin und wieder kommt ein neugieriger Magellanpinguin in die Bucht geschwommen und wirft einen interessierten Blick zu uns herüber. Bei unserem ersten Ausflug mit dem Schlauchboot verfolgte uns eine neugierige Robbe. Magellantaucher-Pärchen gibt es ebenfalls einige in der Caleta. Auf den Felsen am Ufer tauchen manchmal Guanacos auf, um zu checken was da unten in der Bucht los ist. Die Pflanzenwelt rund um die Caleta ist eher spartanisch aber deswegen nicht uninteressant. Hier herrschen dorniges Gestrüpp, trockenes Gras und vereinzelte Kakteen vor. Alles über zwei Meter Höhe erscheint uns schon als riesig. Aber es blüht auch manches. Unsere Angelversuche sind allerdings nicht von Erfolg gekrönt.




Da die Bucht recht eng ist arbeiten wir zum ersten mal mit Landleinen. 














Magellantaucher 
Die Magellanpinguine konnten bis jetzt nur im Wasser beobachten 
Guanacos sind die Urform des domestizierten Lamas 

Austernfischer 
An einem windstillen Abend konnten wir sogar unsere mitgebrachten Chorizos grillen.
Nach gut einer Woche Stille und Wildnis ging es dann weiter nach Puerto Deseado. Unsere Ferienwohnung für eine Nacht, hatte dann leider doch nicht den versprochenen Wäschetrockner und die Badewanne, auf die Götz sich so gefreut hatte, hatte keinen Stöpsel … trotzdem sind sowohl Wäsche als auch Crew wieder rein und duftend 🙂 Hier unten müssen wir jedes sich bietende Wetterfenster nutzen, also geht es morgen (27.12.) schon weiter. Mal gucken wo wir zum Jahreswechsel sind – auf jeden Fall in Feuerland.
Euch allen einen guten Rutsch! -
Feliz Navidad
Weihnachten in Patagonien

Der zerzauste Weihnachtsmann steht in Puerto Deseado in der Provinz Santa Cruz. Bis nach Feuerland haben wir es nun doch nicht rechtzeitig geschafft (sind aber nur noch knapp 500 sm). Am Freitag sind wir hier angekommen und seit heute haben wir sogar einen Platz am Steg – Luxus! Und um den Luxus noch zu steigern, gönnen wir uns Heiligabend sogar eine Ferienwohnung mit Waschmaschine! Trockner! und Badewanne!! – wir sind inzwischen seit einer Woche auf der Suche nach einer Dusche … Wir hoffen ihr habt es alle kuschelig und wünschen euch gute Feiertage. Ein ausführlicher Beitrag ist schon so gut wie fertig, den stellen wir noch online bevor wir am Sonntag weiterfahren.


Bis dahin, liebe Grüße aus Patagonien!
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Uruguay
Da wir immer noch im Rio de la Plata festhängen und auf ein passendes Wetterfenster warten, das uns die 130 Meilen raus nach Mar del Plata oder lieber noch nach Necochea bringt, haben wir Zeit um ein wenig von unseren Ausflügen nach Uruguay zu zeigen.
Da wir ja in Argentinien immer nur 90 Tage Aufenthalt bekommen, ging’s für uns alle drei Monate durchs Delta nach Uruguay. Das erste Mal zusammen mit Fernanda und Adrian für eine Woche in das Städtchen Carmelo (Wohin wir dann auch für unsere letzte Ausreise in dieser Gegend zurückkehrten.) und das zweite Mal, im hiesigen Winter, für zwei Monate in den Ort Nueva Palmira, etwas weiter oben am Rio Uruguay. Im Gegensatz zu Argentinien, gibt es im kleinen Uruguay entlang der Küste zahlreiche staatliche Häfen mit allem Pipapo – Strom und Wasser am Steg, Duschen, Grill- und Campingplätze. Und das obwohl kaum ein Uruguayo ein Boot hat. In der Nebensaison hat man den Hafen meist für sich, nur im Sommer wird es dann Richtig voll mit Booten aus Argentinien. In Carmelo sind uns nur die kleinen argentinischen Motorboote mit zwei, drei Männern an Bord aufgefallen, die meist nur für ein paar Stunden anlegten. Adrian erzählte uns, die Argentinier im Delta bestellen gerne online Ersatzteile und lassen sie nach Uruguay liefern (Onlinebestellungen aus dem Ausland sind in Argentinien so gut wie unmöglich) oder schaffen ihre Dollars auf ein uruguayisches Konto – „die Stellen hier keine Fragen …“
Wer mal richtig zur Ruhe kommen und ein Leben frei von jeder Ablenkung führen möchte, sollte in die uruguayische Provinz fahren. Und Provinz ist hier überall, abgesehen von Montevideo und vielleicht dem Nobelküstenort Punta del Este. Die Menschen sind sehr freundlich, die Autos, selten schneller als 30 kmh, halten für jeden Fußgänger und Straßenhund. Zu jeder Hafenmole führt eine Straße mit Wendeschleife und am Wochenende wird die Familie in den Wagen geladen und dann geht’s im Schritttempo rauf und wieder runter. Auf unserer vierstündigen Busfahrt nach Montevideo hat sich die Landschaft kein einziges Mal verändert – Felder, ein paar Bäume, ein Ort, Felder, wieder ein Ort, der irgendwie aussah wie der letzte. Wir haben uns oft gesagt, das muss das langweiligste Land der Welt sein und trotzdem haben wir uns total wohlgefühlt.


Im Hafen von Nueva Palmira waren wir leider das einzige bewohnte Boot. Menschenanschluss hatten wir wenig, dafür haben uns die Hafenhunde adoptiert. Die beiden oben auf der Mauer, Hinkebein und Halskrause, haben uns jeden Morgen aus dem Bett gebellt, dann gab’s Futter. Beim Einkaufen und spazieren gehen sind sie uns selten von der Seite gewichen.






Stille – nur unterbrochen von wütendem Hundegebell, wenn alle Stunde mal ein Mensch am Grundstück vorbeiläuft. Ich vermute übrigens, dass Uruguay mehr Hunde als Einwohner hat.


Bild links: das örtliche Gymnasium, Mopeds bis zum Horizont. Einen klassischen Nahverkehr gibt es in Uruguay außerhalb von Montevideo kaum – nur Fernbuslinien, die die größeren Orte miteinander verbinden.









Werden die Baden-Würtemberger eigentlich dafür bezahlt, ihre Aufkleber an den abwegigsten Orten dieser Welt zu hinterlassen?
Montevideo

In Nueva Palmira haben wir die Plani für eine Woche alleine gelassen und sind mit dem Bus in die Hauptstadt Montevideo gefahren, in der ein Großteil der 3,4 Millionen Einwohner Uruguays lebt. Die Stadt fühlte sich für uns ein bisschen wie die kleine Schwester von Buenos Aires an. Architektonisch sehr ähnlich, aber alles ein paar Stockwerke niedriger, weniger trubelig und zu unserer Überraschung war es wesentlich erschwinglicher mal einen Kaffee zu trinken oder essen zu gehen. Obwohl Götz normalerweise schnell gestresst ist vom Pflastertreten in Großstädten, war das für uns beide ein richtig schöner Ausflug.










Links unsere Unterkunft mitten im ältesten Viertel von Montevideo. Direkt gegenüber, ein kleines Antiquariat – leider gab’s keine deutschsprachigen Bücher, nach längerer Suche, präsentierte uns der Inhaber stolz ein deutsch-schwedisches Wörterbuch … so groß war die Not dann doch nicht 🙂











Sonntag ist auch in Montevideo Flohmarkttag. Die „Feria de Tristán Narvaja“ im Viertel Cordón ist rieeesig und hier schien sich auch die halbe Stadt zu treffen.





Cementerio Central de Montevideo












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Buenos Aires
Anfang des Jahres haben uns Götz‘ Tochter Jana und meine Schwester, Tine, in San Fernando besucht und das haben wir zum Anlass genommen Buenos Aires ausführlich zu erkunden. Vor allem ich bin zwar auch alleine des öfteren „in die Stadt“ gefahren, aber von unserem Inselliegeplatz in San Fernando kamen gerne mal 1,5 bis 2 Stunden Fahrzeit pro Strecke zusammen … Das liegt vor allem am maroden Schienennetz der Vorortzüge, die in einer Stunde die gut 30 km zum Hauptbahnhof schleichen. Man kann also sagen wir haben die Stadt vor allem beim Fahren mit S- und U-Bahn kennengelernt. Wenn man es darauf anlegt kann man so übrigens direkt einen guten Teil seines Wocheneinkaufs erledigen. An jeder Station steigen Händler mit einem anderen Produkt ein. Gebäck, Süßigkeiten, Socken, Spülmittel, Geschirrtücher, Kugelschreiber … Das Verkaufsargument eines Händlers war „das garantiert echte aufgedruckte Haltbarkeitsdatum“ auf seinen Schokoriegeln. Musiker gibt es natürlich auch zahlreich und eine unglaublich liebenswürdige Eigenschaft der Porteños (der Einwohner von Buenos Aires) ist es, nach wirklich jeder Darbietung zu klatschen. Selbst die schlimmste, nervtötendste Vorstellung bekommt noch (kurzen) höflichen Beifall – irgendwie lieb.

die schöne Station des Tren de la Costa in San Fernando 
Ankunft im sehr beeindruckenden Kopfbahnhof Retiro 


Bahnhofsgaststätte 
Im Gegensatz zu den Zügen kommt man mit der Subte (U-Bahn) gut und schnell voran 




der Botanische Garten Buenos Aires 















Buenos Aires ist beeindruckend, groß, wuselig und an vielen Stellen wirklich schön. Neben modernen Hochhäusern hat sich erstaunlich viel alte Bausubstanz erhalten. Vieles erinnert an europäische Großstädte, nur alles ein paar Nummern breiter und höher. Bei der Straße auf dem letzten Bild haben wir, inklusive der separaten Busspuren, 18 Spuren gezählt.






Der Friedhof La Recoleta ist grundsätzlich einen Besuch Wert. Von den vielen, hier beigesetzten Berühmtheiten, kennen die meisten wohl am ehesten Eva „Evita“ Perón. Den unverschämten Eintrittspreis von 17! Euro haben wir allerdings nur unter (stillem) Protest bezahlt … 
Die deutsche Botschaft durfte ich auch besuchen – aus eigener Blödheit – weil mein Pass nicht ausreichend lange gültig sein würde. Online musste ich mich erst einmal auf eine Warteliste zur Terminvergabe setzen lassen, ab Antragstellung würde es dann 3 Monate dauern bis ich meinen neuen Pass in den Händen halten würde – zum Glück hatten wir keine Eile. Abholen kann man die Pässe übrigens nur an einem Tag in der Woche, zwischen 14 und 15 Uhr. Und da man keine Benachrichtigung erhält, ob der Pass schon vorliegt, ist das auch ein bisschen Glücksspiel … (Hab mich nicht getraut den fortknoxmäßig gesicherten Eingang zu fotografieren, deshalb nur diese Mauer)





Das Viertel Once: im 1. Bild sieht man Wandbilder im Gedenken an den Terroranschlag auf das Gebäude der jüdischen Organisation AMIA, 1994, bei der es viele Tote und verletzte gab. Bild 2 zeigt den prächtigen Palacio de Aguas Corrientes (Palast des fließenden Wassers) der heute Sitz der Wasserwerke ist. Ansonsten finden sich in dem wuseligen Viertel unzählige Straßen mit hochspezialisierten Läden. In einer Straße findet man Stoffe, in der nächsten Partyzubehör und, ganz wichtig, die Ausstattung der argentinischen Mädchen für ihren 15. Geburtstag, der hier, wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ganz groß als „Fiesta de Quinceañera“ gefeiert wird.


Puerto Madero, ein riesiges Hafenbecken ohne Schiffe, bis auf dieses Museumsstück. 



Casa Rosada, Sitz des argentinischen Präsidenten an der Plaza de Mayo
Zum Ende noch ein kurzes Update, wo wir uns eigentlich aktuell befinden 🙂
Letzte Woche war es Zeit Abschied zu nehmen von unseren Freunden Fernanda und Adrian. Nach so langer Zeit in der wir uns fast täglich gesehen haben, fiel das ganz schön schwer! Auf unserem letzten Abstecher nach Carmelo in Uruguay haben uns die beiden noch einmal mit ihrem eigenen Boot begleitet. Adrians 60. Geburtstag stand an, den wollten wir standesgemäß mit einem großen Asado feiern. Eingeladen hatten wir auch noch unsere gemeinsamen Freunde Banu und Deniz, die türkischen Segler, die noch einen weiteren Freund mitbrachten. Ricardo ist Uruguayo aber mit einer Deutschen verheiratet und spricht ziemlich gut deutsch. Und so ging es dann beim feiern fröhlich in vier Sprachen hin und her :-).
Inzwischen sind wir zurück in Argentinien am Ausgang des Rio de la Plata und jetzt wird es ernst mit dem letzten Stück der Reise nach Feuerland. Mit einigen Zwischenstops entlang der Küste wollen wir Richtung Weihnachten in Ushuaia sein …



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G‘schichten aus Argentinien
Vorneweg: Da wir, wie üblich, getrödelt hatten und zu spät in Buenos Aires ankamen, um noch in der laufenden Saison weiter nach Süden zu fahren haben wir jetzt ordentlich viel Zeit im Gebiet des Rio de la Plata totzuschlagen. Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel sind im Vergleich zu jenen auf der Nordhalbkugel der Erde um sechs Monate versetzt … In den Argentinien bekommt man nur 90 Tage Aufenthalt und muss dann das Land verlassen; kann aber (im Gegensatz zu Brasilien) quasi sofort wieder einreisen und bekommt dann frische 90 Tage. Und so pendeln wir zwischen Uruguay und San Fernando/Argentinien. Einen Versuch, den Paraná nach Norden hochzufahren und in Paraguay zu überwintern brachen wir wegen des starken Gegenstroms auf dem Fluss ab. Die Überwinterung im Warmen war uns die 1300 Liter Diesel nicht wert. Zur Zeit sind wir in Nueva Palmira, einem verschlafenen Kleinstädtchen im Westen Uruguays am Rio Uruguay. Vielleicht der richtige Moment, um das bisher in Argentinien Erlebte und Kennengelernte Revue passieren zu lassen…

Unsere geplante Route auf dem Paraná nach Paraguay. Eine Tagestour vor Rosario haben wir aufgegeben. 
Auf Höhe der Stadt Zárate erlebten wir den heftigsten Regen unseres Lebens. 425 l pro qm (Jahresniederschlag von Berlin) fielen innerhalb von 24 h. Das hatte teils katastrophale Folgen für die Menschen im Delta. Wir hatten ausreichend Dusch- und Abwaschwasser für die nächsten zwei Wochen. 
Nächtliches Ankern in Nachbarschaft eines der zahlreichen Baggerschiffe. 



Eigenwillige Konstruktion oder ernstes Problem? 
Angriff der segelnden Spinnweben. Ein paar Tage nach dem großen Regen war die Luft voll von diesen fliegenden Spinnweben. Innerhalb kürzester Zeit waren Plani und Crew eingesponnen. 
Zuerst einmal der Hinweis, dass Argentinien als Land, Kultur und politisches System für uns Mitteleuropäer nur schwer zu greifen und zu begreifen ist. Manche der hier zu erzählenden Geschichten mögen aberwitzig klingen, sind aber aus Sicht der Argentinier nichts Außergewöhnliches . Das Land ist etwa sechs mal so groß wie Deutschland, hat aber nur die Hälfte der Bevölkerung, von der auch noch die Hälfte im Großraum Buenos Aires lebt. Die Brasilianer bezeichnen die Argentinier gern als „Engländer“ – snobistisch, stolz, halten sich für etwas Besseres. Uns gegenüber waren alle, die wir kennenlernen durften, extrem freundlich und hilfsbereit … In der Tat hat Argentinien schon bessere Zeiten erlebt und war bis in die fünfziger Jahre hinein eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Die Architektur, speziell Jugendstil und Art Deco in Buenos Aires gibt ein lebendiges Zeugnis hiervon. Die indigene Kultur allerdings wurde fast komplett ausgerottet bzw. vergessen, wenngleich laut neueren Studien weit über die Hälfte der Bevölkerung auch indigene Gene aufweist.
Ganz im Norden, in der Provinz Missiones, ragt Argentinien bis in die Tropen hinein, der tiefe Süden mit Feuerland und Kap Hoorn ist schon subantarktisch, die Hauptstadtregion wiederum subtropisch.
Die politische Landschaft ist für uns besonders schwer zu begreifen. Nach vielen Jahren der Militärdiktatur übernahmen seit Mitte der Achtziger die Peronisten meist die Führung des Landes. Wie schon der Name sagt, geht die Partei auf Juan Peron zurück, selbst ein ehemaliger Militär, welcher zwischenzeitlich vom Militär weggeputscht wurde um dann als neuer Präsident zurückzukommen und nach seinem Tod von seiner legendären Frau Evita Peron im Amt beerbt zu werden. Peron selbst war zeitlebens ein großer Bewunderer von Mussolini und General Franco! Durch Zusammenschluss mit Gewerkschaften und Arbeiterbewegung entstanden die heutigen Peronisten. Im Übrigen wurde auch der peronistische Präsident Nestor Kirchner von seiner Frau Christina im Amt beerbt. Man stelle sich eine extrem populistische, durch und durch korrupte, aus der NSDAP und den Gewerkschaften hervorgegangene SPD mit starkem Drang zum Personenkult vor … wahrlich nicht leicht, ohne sich die Gehirnwindungen zu verdrehen. Aktuell regiert Javier Milei das Land, ein neoliberaler, faschistischer Typ mit Saubermannimage auf der einen Seite und Rockeroptik samt Wahlkampfauftritten mit Kettensäge andererseits. Beste Freunde: Donald Trump und Georgia Meloni.

Dass die Islas Malvinas zu Argentinien gehören wird im Land an öffentlichen Orten gerne und oft kommuniziert. Niemals nicht nimmt man hier die Bezeichnung Falklandinseln in den Mund … 
Hauptbahnhof Retiro in Buenos Aires. Auch die Bahn ist von den Kettensägen-Einsparungen Mileis betroffen. 
Großdemo zum Frauentag in Buenos Aires. Im Gegensatz zu den anhaltenden Demos gegen Rentenkürzungen, war es hier absolut friedlich. 

Auch auf der Demo verhungert man in Argentinien nicht (solange man kein Problem mit Fleisch hat). Dutzende Grillstände mit Bergen von Chorizos und Steaks säumen die Straße. 

Allerdings hat Milei keine Mehrheit in den beiden Parlamentskammern und die Provinzfürsten haben eine außerordentliche Macht, weit mehr als in Deutschland die Ministerpräsidenten der Bundesländer, was zur Folge hat, dass einer den anderen boykottiert und blockiert und von Provinz zu Provinz völlig andere Gesetzte, Regelungen und Steuern gelten. Daraus und aus der Geschichte des Landes ergeben sich viele der folgenden Geschichten, welche wir euch nur erzählen können, weil wir Adrian und Fernanda kennengelernt haben. Deswegen möchten wir Euch die Beiden hier erst einmal vorstellen.
Adrian ist 59 und wirkt auf den ersten Blick wie ein alternder Schlagersänger. Er stammt aus einer segelbegeisterten Familie und ist quasi auf dem Boot aufgewachsen. Er war früher zweimal mit einem Segelboot in Feuerland und ist in der Jugend auch viel Regatta gesegelt. Vor über zwanzig Jahren hat er sich sein aktuelles Stahlsegelboot (30“/9m) aus Schrottteilen abgewrackter Frachter selbst zusammengeschweißt. Die Stahlplatten dafür – 3mm – hat er mit einer umgebauten Klopapierwickelmaschine vorgebogen … Fernanda, seine Frau, ist eigentlich Köchin und ein herzensguter Mensch und sie spricht, im Gegensatz zu Adrian, ein ganz kleines bisschen Englisch. Für Argentinien und auch für den Club San Fernando (CSF), wo wir untergekommen sind, sehr ungewöhnlich, wohnen die beiden, mit ihren zwei Katzen Mango und Inti, auf ihrem Segelboot.
Sie mögen die feinen Leute mit den schicken Booten nicht und kompensieren die traurige Tatsache, dass sie nie genug Geld zusammenbekommen werden um loszusegeln, damit, dass sie sich an die wenigen ausländischen Segler halten, welche auf Langfahrt hier vorbeikommen. Unsere türkischen Freunde Deniz und Banu aus Uruguay hatten uns von den beiden erzählt und uns schon angekündigt. Adrian findet für alle technischen und organisatorischen Probleme, welche uns hier über den Weg laufen, eine Lösung. Er kennt jeden Handwerker und jeden Ladenbesitzer und wenn es grundsätzlich möglich ist etwas zu beschaffen, beschafft er es. Unser 47 Jahre alter Mercedes Motor ist Dank ihm zu einer Überholung des kompletten Kühlsystems gekommen. Die beiden haben uns quasi adoptiert und wir kochen gegenseitig füreinander und helfen uns wo es geht. Sie leben von den Einnahmen von Adrian als Boots- und Bootsmotorenmechaniker.

Wochenende ist Asadozeit. In Argentinien und Uruguay gibt es an vielen Stellen öffentliche, gemauerte Grills. 


Auf dem Weg nach Uruguay. Adrian und Fernanda reisen bei der Prefectura in Guazu/Guazucito aus. Früher, so die erste von mehreren Geschichten, welche ich hier zum besten geben möchte, also vor Milei, gab es viel Korruption im Land, im Großen wie im Kleinen. Dieses Schwarzgeld musste ausgegeben werden; umtauschen in Dollar war nicht möglich und auf die Bank bringen machte wegen der Hyperinflation auch keinen Sinn. Also kaufte jeder, der es sich leisten konnte, von der Schwarzkohle ein Boot. Boote durften damals entweder nicht importiert werden oder es gab 100% Einfuhrzoll auf den Neu(!)preis. Gebrauchtboote waren also sehr preisstabil und eine sinnvolle Geldanlage. Entsprechend ließ man sie professionell von Leuten wie Adrian warten. Da auch Bootsmotoren den Einfuhrbeschränkungen (die heimische Industrie sollte geschützt und gefördert werden – allein sie existierte gar nicht …) unterlagen, hatte Adrian gut damit zu tun, die alten Kisten am laufen zu halten und konnte gut davon leben. Das Geld der Mafiabosse wurde inzwischen legalisiert und – mittlererweile kann man Pesos wieder in US-$ tauschen – längst auf die Kaimaninseln transferiert. Die kleine Korruption im Alltag ist jetzt stark beschränkt, keiner hat mehr Geld, sein Boot reparieren zu lassen und die Zahlungsmoral ist im Eimer. Der Staat hat die Banknotenpresse eingemottet und die großen Staatsbetriebe verkauft, die Arbeitslosenzahlen gehen hoch und die Arbeit für Adrian wird immer weniger. Adrians Fazit: Ohne Korruption funktioniert Argentinien nicht! Er hofft, dass Christina Kirchner von den Perronisten, Vorgängerin von Milei als President und zur Zeit in Hausarrest, die nächste Wahl gewinnt und alles so wie früher wird … mit Korruption, viel Schwarzgeld im Umlauf und viel gut bezahlter Arbeit.
Nächste Geschichte: Wiederum um die einheimische, fast nicht mehr existente Automobilindustrie zu fördern, war es Jahrzehnte lang verboten, Autos zu importieren. Dann, in den späten Achtzigern, wurde das Verbot eine zeitlang gelockert und viele Autos wurden importiert. Allerdings war es verboten, Ersatzteile zu importieren… Aus dieser Zeit stammt Adrians Renault11. Irgendwann wurde mal der kaputte Tank ausgebaut, es war aber unmöglich einen neuen zu beschaffen. So fährt Adrian mit einem Außenbordertank im Kofferraum rum. Natürlich bekommt er für die Karre weder TÜF noch Papiere, aber das ist kein Problem: Die normale Verkehrspolizei, von Adrian gern als Policia Economica – die günstige Polizei bezeichnet –, ist mit umgerechnet 5–10 Euro zufrieden, wenn man ohne Papiere und TÜF angehalten wird. Ein neues Auto kostet in Argentinien z.Z. etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Auch bei Anmeldung eines Gebrauchtwagens orientieren sich die horrenden Steuern an den Neupreisen. Wenn ein Auto richtig alt ist, aus den Zeiten, wo ein Auto noch wenige Tausend kostete, heißt es „Classico“, also Oldtimer und der zu versteuernde Wert wird entsprechend willkürlich hochgesetzt. Deswegen ist Argentinien und im übrigen auch Uruguay (100% Einfuhrzoll auf alles) ein wahres Automobilmuseum.

Noch eine Geschichte gefällig? Als Adrian sein Boot selbst baute durfte man nur Holz- oder Stahlboote mit maximal 9m Länge selbst bauen. Größer war verboten und GFK-Bauten, also Kunststoffrümpfe waren ausschließlich Werften vorbehalten, wollte er einen alten Volvo Penta Einbaudiesel einbauen. Den hatte hatte ihm ein französischer Segler geschenkt, welcher nach zwei Weltumsegelungen eine neue Maschine einbauen wollte. Nur leider bekam er den Motoreinbau nicht zugelassen, da nur maximal 20 PS Einbaumaschinen in Eigenbau Segelbooten erlaubt sind und der besagte Volvo Penta 25 PS hat, womit ein 12 Tonnenboot immer noch untermotorisiert wäre.
Nach sechs Jahren hat Adrian den Versuch aufgegeben, den Motor zu legalisieren. Er hat einen 15 PS Außenborder am Heck zu hängen, welcher nicht genehmigungspflichtig ist. Der Außenborder ist seit Ewigkeiten nicht gelaufen und der Einbaudiesel ist offiziell bei Nachfrage ein Stromgenerator, dabei hat er noch nicht einmal einmal eine Lichtmaschine (eine passende ist einfach nicht zu bekommen). Vor ein paar Wochen sind wir zusammen mit zwei Booten nach Uruguay gefahren. Adrian und Fernanda mussten zwei Tage vorher in San Fernando online ausklarieren und bei der Grenzstation Guazu Guazuzito nur kurz anhalten um die Online Ausklarierungspapiere vorzulegen. Adrian fuhr mit laufendem Einbaudiesel, Außenborder hochgeklappt, Segel unten an den Steg der Prefectura in Guazuzito. Die Prefectura studierte seine Bootspapiere und fragte sich nicht, wie ein Boot das keine Einbaumaschine hat mit hochgeklapptem Außenborder fahren kann.. Allerdings zerrissen sie seine Ausklarierungspapiere – sie haben kein Internet und noch nicht einmal Strom, da der Diesel für das Stromaggregat alle ist. Das Papier müsse noch einmal neu von Hand ausgefüllt werden.
Lustig und nervig zugleich ist übrigens, dass jedes mal dass wir aus- oder einreisen der Zoll (Aduana) und die Küstenwache (Prefectura) an Bord kommen und die Sicherheitsausrüstung zu überprüfen. Das wichtigste sind die Feuerlöscher und speziell die TÜF Plakette darauf. „Waaaas? Ihr habt nuuuur dreiiii Feuerlöscher an Bord?“. Einmal haben sie sogar einen Lehrfilm zum Thema Sicherheitscheck für die Auszubildenden bei uns an Bord gedreht. Und dann muss natürlich noch der Drogenschnüffelhund an Bord, ein etwas ängstlicher ganz lieber Labradormix. Dieser ist „einfach zu fett“ wie die Dame von Aduana neulich genervt bemerkte, weswegen es immer eine Aktion ist, das arme Tier über die Reling zu heben. Den Hund teilen sich Zoll und Küstenwache übrigens – wenn die beiden Behörden bei uns getrennt erscheinen, muss der Hund zweimal an Bord und natürlich auch wieder runter. Das arme Tier ist immer heilfroh, wenn es wieder im Schlauchboot der Prefectura sitzt.
Noch nicht genug gelacht? Unser Freund Marcello erzählte uns folgende lustige Geschichte: Er hatte früher einen kleinen Segelkatamaran mit aufblasbaren Rümpfen und war einmal mit seiner neuen Freundin unterwegs, als ihn die Prefectura zwecks Überprüfung der Sicherheitsausrüstung anhielt und sein Beil sehen wollte! So ein Beil macht Sinn auf seegehenden Yachten um nach einer Kollision die Innenverkleidung wegzuhacken um ein Leck flicken zu können, aber auf einem Schlauchboot..? Eher gefährlich.. ! Marcello meinte dann charmant, die Freundin sei ganz frisch mit ihm zusammen und hätte bestimmt Angst bekommen, wenn er ein Beil an Bord gehabt hätte..
Und noch einen: Unsere Freund Peter und Franzi waren Anfang des Jahres für zwei Monate wegen ihrer Liebe zum Tangotanzen in Buenos Aires und vergaßen ihre letzten 150 000 Pesos auszugeben. Nun kann man die in Deutschland nicht umtauschen, selbst in Uruguay bekommt man nur ein drittel des Wertes. Also kam Peter auf die Idee, uns das Geld als Päckchen zu schicken. Adressiert an die Schwester von Fernanda, kam es auch tatsächlich drei Wochen später in Buenos Aires an. Von März bis August! lag es dann beim berüchtigten Zollamt der Stadt – inzwischen ist es auf dem Weg zurück nach Deutschland …
Aktuell flicke ich mal wieder die Membran unserer Klopumpe. Eine neue könnte ich für aktuell 54€ in Deutschland bestellen, aber ob die hier jemals ankommen würde? Wie sagte Marcello neulich: Die Argentinier finden für jede Lösung ein Problem!
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von La Paloma nach San Fernando

Weiter im Text 😉
Am 5.1.2025 ging es von La Paloma weiter Richtung Argentinien. Die Maschine lief wieder, die geliebte und altersschwache grüne Genua (Leichtwindsegel), „Miss Green“, hatte ich auch mal wieder geflickt. Banu von dem türkischen Boot in La Paloma hat die selbe Nähmaschine wie ich, sie aber noch nie benutzt. So holte sie denn ihre Nähmaschine raus und ich erklärte ihr alles und stellte ihr die Unterfadenspannung wieder korrekt ein und unsere Genua diente dabei als Übungsobjekt. Praktisch – zwei Fliegen mit einer Klappe!
Abschied von der Langfahrtgemeinschaft in La Paloma Unser Weg sollte uns um die Südspitze von Uruguay (Punta del Este) in den Rio de la Plata und dann das westliche Fahrwasser bis La Plata hinauf führen. Dort wollten wir einklarieren – Banus Mann Deniz meinte, es sei dort weniger bürokratisch als in Buenos Aires und Umgebung. Hier erst einmal vorneweg zum besseren Verständnis: Der Rio de la Plata ist kein Fluss! Die beiden großen Flüsse dieser Gegend sind der Rio Paraná, welcher aus Nordwesten kommt und der Rio Uruguay (Grenzfluss zwischen Argentinien und Uruguay). Der Paraná bildet ein riesiges weitverzweigtes Delta nördlich von Buenos Aires und der Uruguay eine Trichtermündung. Beide Flüsse zusammen bilden den Mündungstrichter „Rio“ de la Plata. Der La Plata ist ein ausgesprochenes Flachwasserrevier, häufig weniger als 1 m tief, durchzogen von diversen, meist gebaggerten Fahrrinnen für die Berufsschifffahrt. Dort konzentriert sich dann auch der meiste Verkehr. Der Tidenhub beträgt im Schnitt nur ca. einen halben Meter, allerdings hat der Wind einen gehörigen Einfluss auf den Wasserstand, welcher bis zu 3m über den Kartenangaben liegen kann. Wasserstandsvorhersagen ala „Das Morgenhochwasser in Hamburg wird 70cm höher als normal ausfallen.“ gibt es hier nicht, nur Meldungen über den Istzustand. Obwohl der Rio de la Plata übersetzt ja Silberfluss bedeutet, hat sein Wasser eine braune, kararamellähnliche Farbe und wirkt auf Grund des Sedimentanteils (durch die riesigen Schlammmassen, welche Paraná und Uruguay mit sich führen) fast etwas cremig, durchaus unwirklich und ein wenig dystopisch, als wäre man auf einem fernen Planeten.
„Jim Knopf
auf dem Karamellmeer“
fiel Götz dazu ein. Schon gewöhnungsbedürftig nach zwei Jahren Blauwassersegeln.Der Wind hielt, was die Wettervorhersage angekündigt hatte und bis zur Einfahrt in den La Plata kamen wir gut voran. Dann schlief der Wind ein und wir sind die Fahrrinne getuckert, was aber auf Grund des erhöhten Schifffahrtsaufkommens und der zeitweilig recht schmalen Rinne auch geplant war. Normalerweise muss man sich jeweils bei den Radarüberwachungsstationen über Funk anmelden, aber fast niemand in Argentinien spricht Englisch, auch Leute nicht die beruflich Seefunkgeräte auf einer internationalen Seewasserstraße bedienen … Nachdem wir keine Antwort erhielten, ließen wir es mit der Anmeldung bei den folgenden Kontrollpunkten bleiben. Bei Tagesanbruch erreichten wir die Hafeneinfahrt der Stadt La Plata, nachdem wir uns zuvor durch ein riesiges Feld ankernder Frachter und Tanker gewurschtelt hatten. In der sehr langen Zufahrt nach Plata sollte man sehr genau auf dem Tonnenstrich bleiben, da nur die Steinmole an Steuerbord aus dem Wasser ragt. An Backbord gibt es eine alte Spundwand aus Holz und Stahl, welche nur bei Niedrigwasser zu sehen ist. Genau genommen machten wir in Ensenada, dem Hafenort von La Plata, im dortigen Club de Regattas fest. Dort kann man als Gast in guter, alter, argentinischer Tradition für zwei Tage umsonst liegen, und zahlt danach 10 Euro pro Tag. Die drei anzulaufenden Behörden Migracion (Einreise), Aduana (Finanzamt/Zoll) und Prefectura (Küstenwache/Marine/Wasserschutzpolizei) liegen keine 100 m auseinander und nach zwei Stunden war der Papierkrieg erledigt. Obwohl mehrfach vorgewarnt, hatten wir eine ganz besondere, argentinische Form der bürokratischen Folter für Einreisende mit dem eigenen Boot ignoriert. Die Prefectura besteht bei jeder Ein- und Ausreise auf das Ausfüllen der sogenannten Raul – von Hand. Und zwar jeweils in fünffacher Ausführung. Der vorbereitete Segler hat sich natürlich das Dokument schon vor Einreise ausgedruckt, ausgefüllt und kopiert – wir leider nicht. Und so legte uns der Beamte einen Stapel mit zehn Formularen hin und machte uns Platz am Schreibtisch. Die zaghafte Frage, ob wir das Blatt einmal ausfüllen können und er es dann kopiert wurde mit einem lächelnden Nein beantwortet. Unsere Passnummern kannten wir danach aber auswendig. Egal, wir waren nun offiziell in Argentinien eingereist und auch das Boot war offiziell im Land. Inzwischen waren wir im Copyshop und tragen nur noch das aktuelle Datum und den aktuellen Hafen von Hand ein.

Der Club de Regattas in Enseada. Was die Bargeldbeschaffung in Argentinien betrifft, waren wir besser vorbereitet. Am Automaten wird das hier nämlich sehr teuer, wie unsere Freunde Franzi und Peter, die inzwischen in Buenos Aires angekommen waren, feststellen mussten. Wir hatten diesmal auf unseren Freund Eduardo in Brasilien gehört und uns die WesternUnion App aufs Handy geladen. An sich selbst Geld schicken und in einer Filiale vor Ort abholen ist die günstigste Methode. Blöd nur wenn es im Ort keine gibt. Aber ich erinnerte mich zum Glück daran, irgendwo mal gelesen zu haben, dass die chinesischen Inhaber von Supermärkten gerne US-Dollars tauschen und das auch noch zu einem günstigen Kurs. Dollerse hatten wir uns in Uruguay für den Notfall besorgt und so kamen wir erst einmal an Bargeld, da gefühlt fast alle Supermärkte hier von Chinesen betrieben werden.
Am nächsten Tag ging es dann in das eigentliche La Plata – wir waren doch ein wenig überrascht, uns in einer Millionenstadt wieder zu finden. Dort holten wir unsere Pesos bei Western Union ab und bekamen auch endlich eine Sim-Karte fürs Telefon. Zu berichten gibt es nicht viel über Ensenada und La Plata, da wir ja nun schnell weiter nach Buenos Aires wollten. Im Segelclub gab es eine sehr aktive Ruder- und Paddelsektion. Die Segelyachten pflegten im Allgemeinen abzulegen und sich dann hundert Meter weiter an einen der unzähligen Pfähle zu binden welche überall im Wasser standen – kein Kommentar. Wirklich raus auf den Rio de la Plata ist kaum einer gefahren. Als wir uns per UKW-Funk bei der Prefectura abmeldeten fragten die den kompletten Anmeldebogen auf Spanisch ab … wir fuhren dann kurz an ihren Steg und sie machten ein Handyfoto von unserem Formular. Willkommen im Land der grenzenlosen Bürokratie. Nach wenigen Stunden tuckern kam Wind auf und wir konnten bis in den Rio Parana hineinsegeln wo wir dann in einem Nebenarm für die Nacht ankerten.

Die Skyline von Buenos Aires taucht auf. Am nächsten Morgen ging es Richtung San Fernando, 30 km nördlich von Buenos Aires, durch das weit verzweigte Delta des Rio Parana zum Rio Lujan, der Arm an dem San Fernando liegt. Hier befindet sich ein Segelverein neben dem anderen und wir kamen schließlich im Club San Fernando unter. Es handelt sich beim CSF um einen Verein der Kommune, welcher neben der Segelsektion auch in den Sportarten Fußball, Rugby, Hockey, Tennis, Schwimmen und vielen anderen aktiv ist. Unter anderem gibt es 12 Tennisplätze, 16 Fußball- und Rugbyplätze und, und, und … entsprechend groß ist das Vereinsgelände, welches sich zum Teil auf dem Festland und zum Teil auf einer Insel am anderen Flussufer gegenüber befindet. Im Hafen auf der „Isla“ fanden wir dann nach einer Woche auch unseren längerfristigen Liegeplatz und Fernanda und Adrián, die beiden liebsten und großzügigsten Menschen, aber davon mehr im nächsten Eintrag.



Unser Zuhause im Club San Fernando. Könnte auch irgendwo in Brandenburg sein, wenn man die Flora nicht näher betrachtet. Idyllisch, nur der Weg auf’s Festland ist immer etwas aufwändig. Wir liegen auf der Insel an vier Pfählen ohne Landzugang. Von der Plani geht es erst mit dem Ruderboot zum Steg, von dem uns, halbstündlich, eine kleine Fähre zur Festlandseite des Clubs bringt. Dann noch 500 m über’s Vereinsgelände und endlich sind wir im Ort.
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Brasilien
Fotorückblick auf sechs Monate entlang der brasilianischen Küste
Nach diversen kleineren und größeren Pannen, die uns auf unserem Weg entlang der brasilianischen Küste heimgesucht haben, ist die Chronologie unseres Blogs doch etwas durcheinander geraten … Deshalb bombardieren wir euch jetzt einfach mit ganz vielen Fotos, die zwischen Salvador und Florianopolis entstanden sind.
Von Salvador nach Vitoria im Bundesstaat Espirito Santo

Ein Buckelwal – trotz Kamera auf Dauerfeuer, war die Auswahl an brauchbaren Fotos enttäuschend 🙂
Kurz hinter Salvador fingen wir an Buckelwale zu sichten. Am Anfang nur vereinzelt in ziemlicher Entfernung, in den folgenden Tagen wurden es immer mehr Tiere, die teilweise bedenklich nah ans Boot kamen. So unglaublich das Erlebnis ist, ab und zu war uns doch mulmig, wenn so ein tonnenschweres Tier kurz vor unserem Bug aus dem Wasser schoss. Wie wir später erfuhren kommen die Wale zu dieser Jahreszeit aus dem kalten Süden, um in den hiesigen, warmen Gewässern ihre Jungen zu bekommen und immer wieder kommt es leider auch zu Zusammenstößen mit Booten …





In Vitoria kamen wir im örtlichen Segelclub unter – sehr nobel, mit eigenem Strand, Pool und Sauna, für sieben Euro pro Nase.
Eduardo und Mauricio, die mit einer Regatta auf dem Weg nach Norden waren, luden uns zum grillen ein. Beim brasilianischen churrasco gab‘s hervorragendes Rindfleisch in rauen Mengen – unser mitgebrachter Salat fand allerdings wenige Abnehmer …Auf den Weg nach Rio – Übernachtungsstopp an der Naturschutzinsel „Ilha de Santana“


Götz neuer, bester Freund – der Weißbauchtölpel






Erster Blick auf Rio de Janeiro im August 2024. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch, der Zuckerhut im Dunst wird das Einzige sein was wir von der Stadt sehen werden. Denn eigentlich waren wir auf dem schnellsten Weg nach Buenos Aires, wo wir im September mit Jana verabredet waren. Als wir allerdings am nächsten Morgen unseren Anker in einer traumhaften Bucht der Ilha Grande (ca. 80 nm westlich von Rio) warfen, geriet unser Entschluss ins wanken. Wollen wir hier wirklich einfach vorbeifahren? Nö. Also leiteten wir Jana kurzer Hand nach Rio um (blöderweise mit einem Umweg über Buenos Aires, denn der Flug war schon gebucht …). Rio de Janeiro









In Rio machten wir im wohlhabenden Stadtteil Urca, direkt unterm Zuckerhut fest! Hier gibt es kostenlose Mooringstonnen für Gäste. Der Ort ist auch ein Refugium für einige Einheimische, die der Wohnungsknappheit und den teuren Mieten der Stadt entflohen sind und hier auf ihren Booten leben. Giovanni, der hier auch auf einem Boot lebt, kümmert sich um die Anlage, versorgt die Leute mit Frischwasser und bietet allerlei Services an, mit den er sein Geld verdient. Am Wochenende gibt es immer ein großes Feijoada-Essen (die beste, die wir in Brasilien gegessen haben) und reichlich Caipirinha. 

Wanderweg unterhalb des Zuckerhuts – im brasilianischen eigentlich Zuckerbrot (Pão de Açúcar) 











Bevor wir mit Jana Richtung Ilha Grande aufbrachen, haben wir uns natürlich auch ein bisschen in Rio umgesehen. Aber, um ehrlich zu sein, waren wir in dieser Zeit etwas überfordert mit dem Großstadtleben … Ilha Grande
Die Ilha Grande und die Bucht gleichen Namens mit hunderten weiteren Inseln ist eine traumhaft schöne Gegend und zählt definitiv zu unseren Favoriten. Hier hätten wir uns gut und gerne ein halbes Jahr Zeit lassen können, um jeden Winkel zu erkunden. Für jede Windrichtung findet man ein geschütztes Plätzchen zum ankern und das Trinkwasser kommt direkt aus den Bergen an den Strand. Das Innere der Ilha Grande ist, bis auf ein paar Wanderwege und eine Straße, kaum erschlossen und jeder Weg muss mit dem Boot erledigt werden. Abends, wenn die Tagestouristen weg sind, herrscht in den meisten Buchten himmlische Ruhe.













In Abraão, dem einzigen größeren Ort der Insel, ist auch im Winter ziemlich viel los. Hier reiht sich eine Pension an die andere. 
Regentage gibt es einige in der Gegend. Hier haben wir mal unser gesammeltes Strandgut geplündert und Geschmeide gebastelt. 
















Paraty
Nachdem wir mit Jana zurück nach Rio gefahren und sie verabschiedet haben, machten wir uns endgültig auf den Weg nach Süden. Aber nicht ohne einen weiteren Stopp, diesmal am westlichen Ende der Baìa da Ilha Grande, im Städtchen Paraty. Die Altstadt ist Weltkulturerbe und auch wirklich sehr schön. Leider teilt sie das Los vieler dieser Orte – das normale Leben wurde verdrängt und mit Restaurants und Souvenirläden ersetzt …







Das Kopfsteinpflaster in Paraty hat Götz noch in seinen Alpträumen verfolgt. 
Geankert haben wir gegenüber von Paraty, am sogenannten Vagabond Beach. Hier haben sich (hängengebliebene) Langfahrtsegler einen netten Ort gezimmert. Mit Hängematte und Grillplatz. Dank dem Quellwasser aus den Bergen gibt’s neben dem Wasserhahn sogar ein Dusche! 



Deutsche Wertarbeit! Bei den Kokoswasserverkäufern am Straßenrand, sah das irgendwie immer cooler aus. 





Florianopolis

Auf dem Weg nach Florianopolis, ankerten wir noch eine Nacht vor der Ilha de Bom Abrigo (Insel des guten Schutzes – naja). Auf der Insel gibt es einen Leuchtturm und einen Stützpunkt der brasilianischen Marine. Besetzt mit einem Mann – geschätzt jenseits der siebzig. Er wohnt in der Hütte auf dem Foto, wäscht sich mit dem Eiskalten Quellwasser am Strand und wird von den Fischern, die hier ankern, versorgt. Zum Leuchtturm führt nur ein waghalsiger steiler Pfad, den er offensichtlich hin und wieder gehen muss. Wir haben das Unternehmen nach kurzer Zeit abgebrochen – wahrscheinlich zu seiner Belustigung. Er hatte uns vorher erklärt, dass das eigentlich verboten ist, aber von ihm aus können wir es gerne versuchen … Wir schenkten ihm eine Flasche Wein, den er dann zusammen mit den Fischern zum Abendessen trank. In unserem sprachlichen Unvermögen, hatten wir verstanden, dass er den mit uns trinken will und dazu was kocht. Wir kamen uns doof vor, aber ihm sei es gegönnt 🙂 Die Stadt Florianopolis, gelegen auf einer Insel und durch eine Bücke mit dem Festland verbunden war unser letzter geplanter Stopp in Brasilien. Hier trafen wir Eduardo wieder, den wir in Vitoria kennengelernt hatten und der hier wohnt. Er machte auch gleich eine Inselrundfahrt mit uns und half uns bei einigen Besorgungen.











Der Platz mit dem Traumzauberbaum wurde zu unserem Lieblingsort. 

Erstaunlich reiche Beute an deutschsprachigen Büchern in einem Antiquariat. Ein Ebook Reader wäre natürlich praktisch, aber so ist es viel spannender. 
Und dann war auch schon fast Weihnachten Inzwischen sind wir seit gut drei Monaten in San Fernando, ca. 30 km nördlich von Buenos Aires und natürlich gibt es schon wieder eine Menge zu erzählen. Aber erst einmal liebe Grüße aus dem südlichen Herbst in den nördlichen Frühling!

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Oh La Paloma

Am 9. Dezember sind wir endlich nach all den Reparaturen und der Reinigung und farblichen Auffrischung des Unterwasserschiffs losgefahren. Eigentliches Ziel war La Paloma, der erste Hafen in Uruguay, gegebenenfalls mit einem kurzen wetterbedingten Stop in Rio Grande, dem südlichsten Hafen Brasiliens. Bis La Paloma waren es ca. 540 nm, bis Rio Grande 380nm. Plan war, am Anfang gegen den schwachen Südwind anzutuckern, welcher später auf Nordnordost drehen sollte. Plan hin, Plan her, nach nicht einmal einem Tag gab es ein ungewohntes Geräusch aus dem Motorraum und die Geschwindigkeit ging immer weiter runter bis auf null. Später stellte sich heraus, dass die Kupplungs- oder auch Dämpferscheibe, welche Motor und Getriebe verbindet, sich in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Da der Wind mittlerweile, wenn auch nur leicht, aus Ost bließ, setzten wir die Segel. Jetzt stand bereits fest, dass wir Rio Grande ansteuern würden. Es blieb nur die Frage, ob uns die Windrichtung erlauben würde, in den Hafen reinzusegeln oder ob wir Schlepphilfe benötigen würden. Als wir drei Tage später Rio Grande erreichten, funkten wir den Hafen und die Lotsenstation an. Die Antworten fielen seeeeehr sparsam aus bzw. blieben ganz aus. Wir wurden nach unserer Position gefragt, bekamen aber keine Antwort auf die Frage, wann denn Schlepphilfe kommt. Die Situation am Beginn der Fahrrinne wurde langsam prekär, da der Sand vom Baggern der Fahrrinne ziemlich wahllos in die Gegend gekippt wird und Informationen darüber und über die Position der häufig verlegten Tonnen weder an die Seekartenverlage weitergegeben werden noch in den Nachrichten für Seefahrer veröffentlicht werden. Nachdem auch noch der Wind zunahm und die Wellen in dem, dank Aufschüttung, extrem flachen Revier eine, im Verhältnis zur Wassertiefe, gefährliche Höhe annahmen gaben wir die Hoffnung auf Hilfe an diesem Ort –nach vier Stunden vergeblichem Warten– auf und drehten ab auf die offene See mit Kurs Südwest Richtung La Paloma. Der Wind nahm im Verlaufe der nächsten 24 Stunden weiter zu, so dass wir zum Schluss unter Sturmfock pur fuhren und das mit für uns ungewöhnlichen 6–8kn. In der Nacht erreichte der Wind –nach meiner Schätzung– ca 50kn. Die Wellen gingen auf 6–7m hoch. (Später im Hafen meinten die Segler dort, der Wetterbericht habe von 55kn in unserem Gebiet gesprochen – das ist die Grenze von 10 zu 11Bft.) Alles nicht sehr angenehm, aber doch mit einem schweren Stahlschiff noch gut beherrschbar. Ich steuerte die Nacht von Hand durch, um den brechenden Wellen nach Möglichkeit auszuweichen, Anne übernahm dann am Morgen bei „moderaten“ 7–8Bft. Leider hatte der Wind auf Südwest gedreht, also genau von vorne – 63nm vor La Paloma! Jetzt hieß es nicht zu viel Höhe zu verlieren (nicht zu weit nach NO zurückzutreiben). Damit beschäftigten wir uns die nächsten zwei Tage und in den drei Nächten drehten wir bei um ausreichend Schlaf zu finden (pro Nacht etwa 15–20nm Abdrift nach NO). Als der Wind dann endlich wieder Richtung SO und später Ostnordost drehte waren aus den 63 Restmeilen 136 geworden. Als wir am darauffolgenden Abend bis auf ca. 25nm an La Paloma rangekommen waren drehten wir bei einem immer noch frischen Wind erneut bei, um dann bei Tageslicht den Hafen anzusteuern. Der Wind hatte über Nacht extrem nachgelassen, so dass wir uns dem Hafen eher in Schleichfahrt näherten. Als wir dann in Sprechfunkentfernung heran waren funkte ich den Hafen an und bekam sehr schnell eine Antwort. Die Dame sprach vorzüglich verständliches Englisch und versprach schnelle Hilfe. Bald sahen wir ein orangefarbenes Fahrzeug näher kommen, welches uns anfunkte und mitteilte, dass sie uns in ca. 15min in Schlepp nehmen würden. Als sie näher kamen sah das Lifeboat sehr vertraut aus in den in Deutschland üblichen Farben Orange, Weiß und Grün mit einem kleinen Tochterschiff auf dem Achterdeck. Später stellte sich heraus, dass es die frühere Alfried Krupp war, die als Seenotkreuzer Jahrzehnte auf Borkum Dienst getan hatte – auf ihrem Nachfolgeschiff war ich vor zehn Jahren mit Jana zur Besichtigung gewesen. Es wird jetzt von der uruguayischen Marine betrieben und ist als einziges Schiff der hiesigen Marinebasis sozusagen das Flaggschiff. Die Jungs zogen uns bis an den Steg, wo schon mindestens zwanzig Segler und Marineangehörige warteten. Alle waren extrem freundlich und hilfsbereit. Hier im Hafen gibt es eine Gruppe von „hängengebliebenen“ Seglern aus Frankreich, Türkei, Kanada und Argentinien. Dank deren Hilfe und der Hilfe von Manso, dem lokalen Mechaniker, welcher hier die Motoren der Fischerboote am laufen hält, hatten wir auch innerhalb weniger Tage unsere neue Dämpferscheibe für den Motor. Zweimal vier Stunden für Aus- und Wiedereinbau des Getriebes und Ischias nach dem Einbau- und der Motor läuft wieder.La Paloma ist ein verschlafenes Örtchen, vom Charakter her irgendwo zwischen Dorf und Kleinstadt und erinnert ein bisschen an vergessene Orte in Mecklenburg-Vorpommern. In der Hochsaison –jetzt, ab Weihnachten– füllt es sich mit Touristen. Der Caravan-Stellplatz hier am Hafen ist schon fast voll, es gibt Ferienhäuser und -wohnungen, Zeltplätze und Cafés. Ein paar Supermärkte mit überschaubarem Angebot, Fleischer, Bäcker, eine Drogerie sowie zwei Mini-Baumärkte und am Samstag einen Markt am Busbahnhof. Alle wirken sehr entspannt, man grüßt sich auf der Straße. Autos schleichen eher als dass sie rasen – ein Ort der Beschaulichkeit. Auf dem Markt verkaufte übrigens ein Ossi aus der Nähe von Leipzig (sehr gute) Äpfel und Pflaumen – Uruguay ist ein sehr einwanderungsfreundliches Land und die Preise für Farmland sind günstig.


Abschied von Rogério und Brasilien. Auch die flache Ausfahrt aus dem Rio Biguacu haben wir diesmal ohne Grundkontakt gemeistert … 
Nicht nur unsere Kupplungsscheibe hatte sich nach dieser Überfahrt desintegriert 

Bienvenidos a Uruguay. Am Tag nach unserer Ankunft, brachte uns ein Soldat der Marine noch einen Stapel deutsche Postkarten der „Alfried Krupp“. Auf der Rückseite hatten sie sogar Ort und Datum vermerkt 🙂 


1. Unser Weihnachtsgeschenk, die neue Kupplungsscheibe. Da wir uns in Uruguay befinden, ist die Mate-Tasse nie weit. Das Trinken von Mate ist zwar in vielen Ländern Südamerikas Tradition, aber die Uruguayer treiben es auf die Spitze – man sieht sie tatsächlich selten ohne Thermoskanne im Arm und Becher in der Hand. Beim Spazieren, beim Einkaufen, an der Kasse beim Fleischer …
2. Weihnachten in Uruguay heißt übrigens offiziell „Familientag“. Das Land hat seit über hundert Jahren eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Zu Ostern wird offiziell die „Tourismuswoche“ begangen. Weihnachtsbäume gab’s trotzdem – sowohl an Bord, als auch in der Stadt 🙂
3. Banu und Deniz, ein türkisches Paar, das schon seit einigen Jahren mit dem Boot in La Paloma liegt, leihen uns gerne mal ein oder zwei ihrer drei! Hunde 🙂

Trubel gibt’s in La Paloma höchstens im Supermarkt am Tag vor Silvester …
Anfang Januar geht’s für uns langsam weiter auf dem Rio de la Plata Richtung Buenos Aires – wo dann schon unsere Freunde Franzi und Peter warten. Wir wünschen Euch einen guten Rutsch und ein friedliches neues Jahr!!! -
Gestrandet

Was sollen wir sagen, gestern war Nikolaus und wir sind immer noch in Brasilien …
Ein paar Tage nach unserem letzten Blogeintrag wollten wir uns Richtung Uruguay auf den Weg machen. Da es auf den 500 Meilen zwischen dem Großraum Florianopolis und dem ersten Hafen in Uruguay nur noch eine einzige Möglichkeit für einen Zwischenstop gibt, brauchten wir ein einigermaßen großes Wetterfenster mit Wind aus nördlichen Richtungen. Pünktlich zum Abfahrtstag änderte sich die Wetterlage natürlich wieder. Um aber endlich loszukommen, beschlossen wir 40 Meilen südlich von Florianopolis, in Imbituba abzuwarten. Wir ankerten inmitten der Fischer vorm Strand, der durch die Mole des Industriehafens nebenan in der Theorie gut geschützt aussah … Lange Rede, kurzer Sinn – eines Nachts (wir lagen schon im Bett) gab es einen kräftigen Ruck. Bevor wir richtig kapiert hatten, was los ist, saß die Planitzer schon halb auf dem Strand. Eine Weile versuchten wir uns noch mit Vollgas aus der Situation zu befreien – ohne Erfolg, die Plani hatte sich, Heck voran, auf den Strand geschoben. Eine unheilige Mischung aus geringer Wassertiefe/wenig Platz/relativ kurze Ankerkette, auflandigem Wind und starkem Schwell hatte die Verbindung von Kette zu Anker entschärft. Und dann hockten wir erstmal halbwegs schockiert und ratlos im Cockpit. Die Brandung klatschte gegen die Bordwand und da wir nicht komplett auf dem Trockenen saßen, fühlte es sich ein bisschen an wie im Autoscooter. Am Strand gab es inzwischen auch einige Schaulustige und irgendwann hörten wir ein „Ola?“ und über unsere Badeleiter kletterte ein Feuerwehrmann in T-Shirt und Schwimmshorts an Bord (Das Wasser hatte also Stehtiefe :-)). „Geht’s euch gut? Können wir irgendwas für euch tun?“. „Wenn ihr über Nacht nicht an Bord bleiben wollt, könnt ihr auch in einer der Fischerhütten am Strand übernachten!“ Die freundlichen Worte und die Anteilnahme haben unsere Laune gleich etwas gehoben. Wir wollten aber an Bord bleiben und uns am nächsten Morgen Hilfe im Hafen suchen. Unser Ausflug zum Hafen brachte dann noch keine Lösung aber eine Menge Telefonnummern. Nach wildem Hin und Her und unglaublich viel Hilfsbereitschaft fand sich dann ein Lotsenboot, das uns an einer langen Leine und mit Vollgas vom Strand ziehen konnte. Als sich die Plani dabei um 70 Grad neigte und Wasser und Sand ins Cockpit schwappten entfuhr mir ein Panikschrei woraufhin Götz sachlich, aber etwas ungehalten feststellte: Anne, wir sitzen auf dem Strand, wir können nicht absaufen! 30 Sekunden später schwammen wir wieder.
Chaos unter Deck nach der Aktion. Gute Seemannschaft hätte natürlich bedeutet vorher zumindest den Topf mit den Nudeln vom Herd zu nehmen … So hat sich sein Inhalt einmal über den Werkzeugkasten verteilt. Wenigsten hat der geliebte Senf alles gut überstanden.
Dann ging es im Schlepptau erstmal längsseits an ein Arbeitsschiff im Hafen. Durchatmen und Schäden begutachten. Da wir schwammen und kein Wasser eindrang, war das wichtigste schon mal geklärt – der Rumpf hatte nichts abbekommen. Gutes altes Stahlschiff! Das Ruder ließ sich allerdings nur ca. 20 Grad nach links und rechts bewegen – der Skeg hatte sich vermutlich verbogen. Außerdem hatte unser Schwingkiel ein Problem. Er ließ sich nicht mehr bewegen, das Stahlseil zum Hoch- und Runterlassen hing lose im Kielkasten, war aber nicht gerissen. Im trüben Hafenbecken konnte Götz so gut wie nichts erkennen, hat aber zumindest ertastet, dass der Kiel nach unten hängt.
Dann tauchten erst einmal nacheinander die Policia Federal und die Marina do Brasil auf um den Papierkrieg zu erledigen, was am nächsten Tag weiterging. Zwei Nächte blieben wir in einem kaum genutzten Hafenbecken an einer Mooringstonne liegen, bevor wir uns auf den Rückweg Richtung Florianopolis machten – das Boot musste aus dem Wasser, um die Schäden an Kiel und Ruder zu inspizieren und zu reparieren.


Am Haken vom Lotsenboot geht‘s in den Industriehafen von Imbituba.
Für die ganze Aktion wollte übrigens niemand auch nur einen einzigen Cent sehen. Muito Obrigado, Imbituba!Auf dem Weg stellte sich dann noch heraus, dass der Motor ständig Kühlwasser verlor. Die erste Hälfte des Weges motorten wir und dann segelten wir den Rest bis zum Yachtclub, wo wir uns wieder an die altbekannte Mooringstonne von vor ein paar Tagen legten. In den relativ flachen Hafen hinein trauten wir uns mit unserem derzeit unbekannten Tiefgang nicht. Unser Freund Yann hatte uns damals auf La Gomera ein Kreuz in Biguacu hier in der Nähe in die Karte gemacht: Hier ist Rogerios Marina, der ist ein sehr guter Freund. Also auf nach Biguacu, d.h. in den Rio Biguacu. Nur leider ist die Zufahrt a….flach und wir mit unserem runterbaumelnden Kiel hatten mindestens 2,40m Tiefgang (eigentlich 3m, wie sich später herausstellen sollte). Und so kam was kommen musste, wir saßen ziemlich schnell fest. Dann wurde hin und her whatsapped immer mit dem Umweg über die Überstzungsapp, da Rogerio angeblich kein Wort Englisch spricht und am nächsten Morgen zog uns Rogerio mit Hilfe eines befreundeten Fischers und dessen kleinem Boot (5m mit mit 45ps aber riesigem Propeller) über die Sandbank in den Fluss bis an den Steg. Wir konnten erst einmal durchatmen.

Tom, der Fischer blieb ganz cool als er 14 Tonnen Stahl mit drei Meter Tiefgang durch den geschätzt 1,60 m flachen Rio Biguacu zieht. Leider konnte uns Rogerios kleiner, betagter Kran nicht rausheben, aber er organisierte einen mobilen Kran, der uns nach ziemlich viel „geht – geht nicht“ und 8t Zusatzgegengewicht aus dem Wasser zog. Was war nun kaputt? Der Stahlträger, welcher den unteren Drehpunkt des Ruders mit dem Rumpf verbindet, hatte beim Rückwärts Auflaufen wohl den einen oder anderen Schlag von unten mitbekommen. Jetzt bekam er ein paar ordentliche Schläge von oben plus 10 min Flex mit Fächerscheibe und das Ruder drehte wieder frei. Der Kiel hatte sich beim Absetzen auf den Boden in den Kielkasten eingedreht, so dass Götz jetzt von oben durch die Revisionsklappe die Sache in Augenschein nehmen konnte … An der Oberkante des Kiels befinden sich zwei Löcher. Durch das eine geht ein Schekel, durch welchen das Stahlseil geht mit dem der Kiel dann hydraulisch hochgeschwenkt wird. Dieser Schekel war gebrochen und verschwunden. Durch das zweite Loch ging ein 15mm Bronzebolzen welcher den unteren Anschlag im Kielkasten bildet, wenn man den Kiel runterlässt. Die eine Hälfte dieses Bolzens fanden wir nach dem Kranen unter dem Boot. Er war so lange im Kielkasten hin- und hergekullert bis er dann den Weg nach draußen fand. Rogerio hatte einen neuen gebrauchten Schekel (zwei Nummern stärker als der Alte) für uns und den Bolzen ersetzte Götz mit einem dicken Gewindebolzen samt Unterlegscheiben und Muttern. Blieb noch das Kühlwasserproblem am Motor. Zuerst hatten wir die Vermutung, dass die Ablassschraube unten an den Kühltaschen etwas mitbekommen hatte, aber es war schlicht und einfach nur ein dicker Kühlwasserschlauch von einem Rohr fast abgerutscht – eine halbe Stunde suchen plus 10min Schellen wieder neu festziehen, fertig. Da wir schon mal an Land standen haben wir natürlich erst mal das Unterwasserschiff saubergemacht – minus zweihundert Kilo Seepocken, Austern und anderes Getier (die letzte gründliche Reinigung war gerade mal vier Monate her) – und frisch gestrichen. Rogerio meint, jetzt sind wir einen ganzen Knoten schneller. Hoffentlich hat er Recht.




Rogerio ist in den drei Wochen hier ein richtig guter Freund geworden. Englisch spricht er übrigens doch ein bisschen und mit einem Kauderwelsch aus Englisch, Portugiesisch und Spanisch unterhalten wir uns abends beim Wein oder Bier ganz gut und zur Not gibt es ja noch die Übersetzung App auf dem Handy. Einfache deutsche Wörter, wie fünf und Kurzsichtigkeit beherrscht er inzwischen übrigens auch schon. Morgen früh bei Hochwasser soll es dann endlich losgehen Richtung Uruguay und weiter nach Buenos Aires, wo dann unsere Freunde Peter und Franzi Anfang Januar aufschlagen.

Nächtliche Besucher: Capybaras (Wasserschweine) sind total friedlich und überhaupt nicht scheu 
Den Tiger hätten wir am liebsten mitgenommen 
Götz und Rogerio beim Gulasch essen 
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Salvador da Bahia

Das Hafenviertel von oben
Salvador, die Hauptstadt des Bundesstaates Bahia, liegt mit seinen knapp 3 Millionen Einwohnern an der Baía de Todos os Santos – der Allerheiligenbucht – angeblich die zweitgrößte Meeresbucht Südamerikas (wie auch immer der Begriff Meeresbucht definiert wird). Dort machten wir in der Marina Terminal fest. Den Tip mit dem Hafen hatten wir von Yann, unserem bretonischen Freund den wir auf Madeira kennengelernt und später auf La Gomera wieder getroffen hatten. Dominique, der französische Hafenmeister begrüßte uns am Steg und fragte später im Büro bei der Anmeldung nach den Einreisepapieren. Etwas unsicher gaben wir zu, dass wir nur den Stempel im Pass haben. Laut der Policia Federal in Maceió war mehr ja auch nicht nötig … Er schlug die Hände vors Gesicht: Ihr seid noch gar nicht richtig eingereist, das Boot ist noch illegal im Land, etc. Es folgten eineinhalb Tage Papierkrieg und Ämtergänge obwohl es in Salvador ein Modellprojekt gibt, so dass man eigentlich nur zu einer Stelle muss. Dort sitzt Ramon, der Englisch spricht und sehr hilfsbereit ist, in einem gemütlichen Büro, das so gar nicht nach Amt sondern wie ein Ausstellungswohnzimmer bei Ikea aussieht. Aber die brasilianische Bürokratie ist allmächtiger als der Allmächtige selbst (Inzwischen, 4 Monate später haben wir schon einen ganzen Ordner voll Papier.). Die Marina Terminal ist mit ca. 18€/Nacht die einzige bezahlbare in Salvador; die Nachbarmarina beispielsweise kostet über 100€ die Nacht – man will wohl unter sich bleiben … Generell schwanken die Marinapreise in Brasilien zwischen 0€ und weit über 100€ pro Nacht. Es ist ein Land mit riesigen sozialen Gegensätzen und die Reichen und Superreichen wohnen hinter meterhohen Zäunen mit Wachschutz und fliegen sehr gern mit dem Hubschrauber zur Luxusyacht. Solche Leute wollen natürlich nicht „Gefahr laufen“, dass die Planitzer neben ihrer fetten Motoryacht im Hafen liegt … Apropos Motoryacht, die Brasilianer sind alles andere als eine große Seglernation. Über 90% der Boote hier sind Motorboote und in Yachtclubs liegt die Quote noch bei 70%. Die meisten Segelboote sind nicht mehr ganz frisch und auch nicht gerade riesig. Eine zehn Jahre alte 40-Fuß-Yacht ist da schon das Flaggschiff. Dafür halten die Segler aber zusammen und man kann meist günstig bei so einem Iate Clube unterkommen.Salvador war die erste? Hauptstadt Brasiliens und gilt als afrikanischste Stadt des Landes. Ein großer Teil ihrer Einwohner sind Nachkommen der aus Afrika als Sklaven verschleppten Menschen und die haben ihre Spuren in der Küche, der Religion, der Musik hinterlassen. Außerdem hat Salvador nach Rio den zweitgrößten Karneval des Landes und auch außerhalb der Saison ist der Samba in den Straßen unüberhörbar. Unsere Marina liegt im alten Hafenviertel Comércio. Hier überwiegt eine Mischung aus zerfallendem und – seltener – restauriertem Jugendstil und neueren Hochhäusern, welche ebenfalls zum Teil schon zerfallen bzw. von der Natur wieder überwuchert werden. Interessanterweise ließ man bei den maroden Jugendstilgebäuden zumindest die Fassade stehen, so dass man später mal den Rest im Rahmen einer Totalsanierung ergänzen kann. Was es dort nicht (mehr) gibt, ist irgendeine Form von Lebensmittelgeschäft so das wir alle paar Tage mit dem Uber – die Preise sind günstiger als bei uns zu Hause der ÖPNV – zum Einkaufen fahren müssen. Leider hat Salvador, wie die meisten brasilianischen Großstädte, eine sehr hohe Kriminalität und gerade das Hafenviertel ist mit Vorsicht zu genießen. Unter der Woche, während der Geschäftszeiten, kann man sich relativ sicher fühlen. Aber sobald es dämmert (gegen 17 Uhr) und die Büros, Läden und Imbisse schließen, leeren sich die Straßen abrupt und die Schritte der Leute werden schneller und zielstrebig. Wer arm ist fährt mit dem Bus in die Favelas am Stadtrand, wer ein bisschen mehr Geld hat wohnt vielleicht in einem Hochhaus-Appartment mit Concierge und die Reichen wohnen in weiträumig abgesperrten Gated Communities mit Wachschutz. Der gefühlt häufigste Job in Brasilien ist Wachmann. Oft hat man das beklemmende Gefühl, jeder hat Angst vor jedem.





Das Hafenviertel Comércio Salvador ist in einen schmalen Streifen Unterstadt, die sich an der Küste lang zieht und von einer Steilwand begrenzt wird und eine Oberstadt geteilt. Will man vom Hafen nach oben in die historische Altstadt Pelourinho gibt es neben der Straße in steilen Serpentinen auch zwei Fahrstühle. Der schöne Art Deco Fahrstuhl direkt am Hafen war leider wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Die dritte Möglichkeit ist die alte Standseilbahn, Plano Inclinado genannt – eine Fahrt kostet umgerechnet ca. 3 Cent. Ein betagtes Wunderwerk der Technik längst vergangener Zeiten. Alle diese Optionen bestehen nur zwischen 8 und 17h30, am Wochenende noch kürzer oder gar nicht. Dann bleibt nur das Taxi.

Der Fahrstuhl war leider nur von außen zu bewundern 
Die Plano Inclinado haben wir dafür oft genutzt 





Die Altstadt Pelourinho. Hier gibt es noch geschlossene Bausubstanz im Kolonialstil des 17. und 18. Jahrhunderts. Hierher nach Salvador sollte auch meine (Annes) Schwester Tine kommen. Wir hätten es auch zum eigentlich vereinbarten Treffpunkt Rio de Janeiro geschafft, aber das wäre arg stressig geworden und wir hatten gerade beschlossen, langsamer zu reisen. Lieber vieles richtig kennenlernen als alles nur im Vorbeifahren. Da Tine nicht gerade als bootsaffin zu bezeichnen ist, wollten wir uns die Allerheiligenbucht mit ihren vielen Inseln schon vor ihrem Eintreffen mal anschauen, um dann die entsprechenden Ziele für den mehrtägigen Bootsausflug entsprechend auszuwählen. Bei der Gelegenheit fand sich auch ein Strand zum Trockenfallen. Unser Unterwasserschiff hatte eine Reinigung und neues Antifouling dringend nötig. Die Seepocken saßen flächendeckend am Rumpf – kein Wunder, dass wir noch langsamer als gewöhnlich waren.








Bei unserer Erkundungsfahrt durch die Bucht mussten wir feststellen, dass viele der Inseln privat sind und es kaum Möglichkeiten gibt an Land zu kommen. Die Zahlreichen Industrieanlagen waren zwar interessant anzuschauen, aber kein Ort um sich länger aufzuhalten. Die Begrüßung am Flughafen war dann auch sehr emotional. Aber nach über 20 Stunden Anreise, reichte Tines Energie dann gerade noch für ein spätes Abendessen im Restaurant in der Altstadt. Zurück in der Unterkunft mussten aber auf jeden Fall noch die mitgebrachten Bücher, DVDs und Ersatzteile ausgepackt werden. Endlich ein neues Dieselfiltersystem. Bei unserem war das Schauglas gebrochen und ein neues war hier einfach nicht zu bekommen. In den folgenden Tagen wurde die Stadt erkundet aber auch morgens in Ruhe an Bord beim ausgedehnten Frühstück geschnackt – wir hatten uns schließlich ein ganzes Jahr nicht gesehen.

Bahias Nationalgericht Moqueca, ein sehr leckerer Eintopf, meistens mit Fisch oder Meeresfrüchten. Bohnen, Reis und geröstetes Maniokmehl fehlen eigentlich bei keinem Essen in Brasilien. Auf den Speisenkarten stehen übrigens häufig die Preise für zwei Personen, manche Gerichte gibt es erst gar nicht als Einzelportion – blöd, wenn man sich auf kein Essen einigen kann 🙂 
Im Museum für moderne Kunst. Die Ausblicke waren spannender als die Ausstellung 



Im Wohnhaus des berühmten brasilianischen Schriftstellers Jorge Amado. Sein Roman „Tote See“ spielt genau in dem Hafen in dem wir in Salvador lagen.
Das Viertel war so eine Mischung aus Schöneberg und Zehlendorf – die Villen werden hier mit Natodraht und hohen Mauern geschützt.









In brasilianischen Städten gibt es unheimlich viel Kunst im öffentlichen Raum. Plastiken, beauftragte Wandbilder, tolle Grafitis, es gibt kaum richtig triste Ecken. Nach ein paar Tagen ging es dann auf eine mehrtägige Bootstour mit der Planitzer. Erstes Ziel war die Marina auf der ziemlich großen Insel Itaparica. Normalerweise ist die Insel sehr touristisch aber jetzt, im hiesigen Winter, war hier alles sehr ruhig. Die Marina war übrigens umsonst. Ursprünglich privat, war sie vor Jahren vom Staat übernommen und aufwändig saniert worden. Seit dem können sich Kommune und Land nicht einigen wer nun zuständig ist und so lässt man Gäste einfach für vier Tage umsonst dort liegen. Es gibt sogar (Quell-)Wasser und Strom am Steg, Wachschutz selbstverständlich auch, nur Duschen fehlten. Itaparica ist eine langgestreckte Insel welche die Allerheiligenbucht im Süden vom offenen Atlantik trennt. Die Nordostecke ist relativ dicht besiedelt, hat aber eher Dorfcharakter. Es gibt unzählige Pensionen und Bars von denen – typisch brasilianisch – nach 18h nur noch maximal zwei geöffnet sind. Der Rest der Insel besteht aus endlosen Sandstränden mit Regenwald dahinter. Die einheimischen Tagestouristen werden mit hölzernen Motorseglern ala Antalya, von Salvador bis kurz vor den Strand gefahren. Dann erfolgt ein Umstieg auf flachgehende Fischerboote, welche die Leute dann direkt an den Strand bringen.







In Itaparica gibt es einen Mineralwasserbrunnen an dem sich Einheimische wie Besucher kostenlos versorgen können. Das Wasser am Steg der Marina wird auch von hier gespeist. Duschen mit Mineralwasser! 



Die rot leuchtenden Guaras waren ein Schauspiel, aber leider etwas schüchtern vor der Kamera. 







Unser Ankerplatz am Wasserfall. Bei Hochwasser war der Strand verschwunden. 
Nach zwei Tagen ging es weiter die geschützte meerabgewandte Seite der Insel entlang zum Wasserfallstrand. Der Wasserfall ist nicht so super beeindruckend, eignet sich aber gut zum duschen und ist ein netter Ankerplatz. Das Wasser fällt in einer Grotte aus ca. 2 m runter, läuft dann über den Rand der natürlichen Duschwanne und fällt dann aus noch einmal 2 m Höhe direkt ins Meer (bei Hochwasser) bzw. auf den Strand (bei Niedrigwasser). Am Ankerplatz musste Tine dann auch wohl oder übel an Bord schlafen. Und was soll ich sagen, war gar nicht so schlimm. Aus den „aber maximal zwei Nächte!“ wurden dann immerhin freiwillig vier :-). Nach einer etwas ruppigen Rückfahrt nach Salvador, hat Götz sich einige Tage mit Reparaturen am Boot beschäftigt, während ich mich bei Tine im Hotelzimmer einquartiert habe – auch mal schön!


In Salvador haben wir auch die Atacadistas und Atacadaos entdeckt, das sind Großhandelsmärkte in die man auch als normaler Kunde reinkommt. Dort entwickelt Götz gelegentlich einen gewissen Größenwahn. Ein Einkaufswagen voller Chips? Warum nicht, die halten sich doch! 3,3 kg Senf? Brauchen wir oft, wird doch nicht schlecht. Das Monster steht jetzt seit Monaten im Weg rum – und schmeckt nicht mal … PS:
Seit Salvador (im Juli) sind nun doch schon einige Monate vergangen 😉 Inzwischen sind wir in Florianopolis, im südlichen Bundesstaat Santa Catarina angekommen. Am 11. November müssen wir Brasilien (nach dann über fünf Monaten) verlassen haben. Unser letztes Ziel in Brasilien ist Rio Grande do Sul (noch ca. 300 Meilen) und dann sind es noch ca. 180 Meilen bis zum ersten Hafen in Uruguay. Ich verspreche lieber gar nichts mehr, aber setze mir das Ziel bis Ende des Jahres alle Berichte zu Brasilien veröffentlicht zu haben! Es müssen nur gefühlt 1,5 Mio. Fotos gesichtet und Erlebnisse der letzten drei Monate im Kopf geordnet werden 🙂
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